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Die vollständige, repressive Berlinale-EnzyklopädieSKohrt Unsere kleine KLASSENGESELLSCHAFT und ein STATUSPROBLEM. Adel am Zoo entlassen. Underground wär mir lieber, aber einen Vorteil haben Zugangsbeschränkungen: dieses Fachpublikum scheint sich nicht erlauben zu könnnen, von potentiellen Berufs-Beziehungshelfern beobachtet, im Kino Döner zu essen. Das macht die Berlinale besonders. Bloß Biertrinken ist überall. Profession und Streßbewältigung der einen Art. Solange es Filmfestspiele gibt, verfällt meine fotokartenlegitimierte Lebensaufgabe nicht, denn die Industrie hat sie geschaffen. Danke, unbekannte Größe. Der Pöbel und Hollywoods erbrechtlich geregelte Ruhmmechanik. Eine Woche Klassenkampf in den Sektionen: Wie´s am Kudamm und am Zoo ist, warum es allein im Kino so neurotisierend ist, was ich am meisten am Mitpublikum hasse, was den Pöbel von den Oberen gestisch und sprachlich unterscheidet, wo das Geld im Raum bleibt und ob die Pommes bei Macdonald´s nach Apfelstrudel schmecken. In der BLAU zu erwarten waren über die Berlinale
97 Worte über zumindest die folgenden Filme: SUE
FRIEDRICH's HIDE AND SEEK, weil es um lesbische Adoleszenz ging
(nee, schon diese Worte)...eine Sorte Psycho-Ernsthaftigkeit, die nicht
lange anzusehen ist. Eine Reihe von Interviews mit heute älteren Frauen
über ihre Jugend als werdende Lesbe. Interviews, die einem das Gefühl
geben, ungewollt in intime Gespräche geraten zu sein, sie könnten
Schulungsmaterial zur therapeutischen Ausbildung sein. Unangenehm persönlich.
Einen zweiten einmontierter Komplex bilden Spielfilmszenen über ein
Mädchen, das anders als die anderen ist und in biederen Zeiten aufwächst.
Lieber wäre mir der Spielfilmteil allein gewesen. ALL OVER ME von ALEX SICHEL wurde schon
zum Eröffnungsfilm des Gay&Lesbian Filmfestival in London, kommt
nach solch ruhmversprechender Programmierung sicher auch in die Kinos.
Ein Spielfilm über die Freundschaft zweier Mädchen in New York,
Stadtteil Hells Kitchen, (Schauspielerinnen sind von dort), beide etwa
13 Jahre, eine, die als so hübsch gilt, so daß sie den Arschloch-Freund
nie loswerden könnte, eine andere, die ißt, weil sie bedauert,
daß sie zu dick ist und große Sympathie für die eine hegt.
Die Umgebung ist aktuell nett, realistisch: skinheadartige Idioten, trinkende
Mutter, Rassismus, Homophobie, Alkoholvergiftung. A BIT OF SCARLET von ANDREA WEISS wird natürlich dauernd mit The Celluloid Closet des letzten Jahres verglichen, weil auch sie Filmausschnitte montiert, die dezent oder direkt homosexuellen Inhalts sind, oder durch den Kontext zu solchen werden. Der natürlichen Umwelt britischer Filmproduktionen entnommen, soll die Sammlung sicher der einen Geschichtsschreibung dienen. Tut sie auch, wenn ein befragter Brite feststellt, daß das sinkende Ansehen Englands im Ausland mit der im Lande grassierenden Homosexualität zusammenhängt. Hätte Andrea Weiß doch bloß auf die so gleichförmig eingesetzten, halbwitzigen Zwischentitel und Grafiken verzichtet, die dem ganzen didaktische Rubriken aufzwingen. Und warum konnte sie nicht cooler reagieren, als sie nach der Vorführung gefragt wurde, was denn das ganze nach Celluloid Closet noch solle? Ist doch gemein. Ich muß aber eher was zur Ecstasy-Ästhetik
sagen, zu den neueren Dokumentationsversuchen jungen Lebensglücks
in Europäischen Hauptstädten. HELDINNEN DER LIEBE von NATHALIE PERCILLIER, LILLY BESILLY: Endlich ein Film, der sich der deutsch-französischen Geschichte annimmt. Als Geräuschfilm ohne Worte zu einem Lied von Les Reines Prochaines mit Zwischentiteln, die wirklich lehrreich sind. Zweiter Weltkrieg, eine deutsche und eine französische Militärangehörige von hohem Rang irren ohne ihre Truppen pflichtbewußt im Wald umher. Ihre kriegsrechtlichen Versuche gegenseitiger Gefangennahme werden letzlich von pragmatisch-sozialem Verhalten zwischen zwei Frauen besiegt (nicht erstgemeint, trotz "Heldinnenproduktion"). Da beim Militär eh viele seltsame Frauen sind, werden auch diese beiden sich verlieben und dem jeweiligen Nationalcharakter entsprechend Würstchen (das Geräusch beim Beißen) und Croissants zu sich nehmen und dem Krieg küssend entrinnen. Nicht wirklich politischer Slapstick, aber der Beweis, daß es möglich ist, in Uniform durhc Raum und Zeit zu wandern (Ende unter dem Nachmauer-Brandenburger Tor), das hat den Kurzfilmteddy verdient. Die eigentlich belächelten prominenten Preisverwalter teilfunktionieren doch, wenn sie LATE AT NIGHT von CLAUDIA ZOLLER; STEFANIE JORDAN und STEFANIE SAGHRI zum Silbernen Kurzfilm-Bären chauffieren. Nicht, daß silberne Bären unendliche Liquidität verhießen, dazu gibt es die anderen Größen des zivilisierten und einzigen Kapitalismus. Late at Night ist ein Animationsfilm, aber ein sehr ungewöhnlicher. Die haben doch wirklich die Filmbilder (hier wirklich schön) in Malerei verwandelt, jedes einzelne der fünf Minuten, die den bizarren Spaziergang einer Frau durch die städtische Nacht verfolgen lassen. Schöne Musik von Cassandra Wilson, Magie der Nichthandlung, lebender Surrealismus, wo ist das Video zu ersteigern? (Lors de la conférence de presse Cathérine Deneuve a apprécié: die Mischung von Musik, Maleri und Film.) Die vier Grundfragen der Berlinalehängerei in eine gepreßt: was kann ich vor den anderen gesehen haben? Zumindest diesen. Ein Glück. SKohrt. Mutter und Sohn von Aleksandr Sokurov fand eine Kritikerin von allen Panorama-Filmen am besten, eine, deren Lob ich traue, wird auf der documentaX (Ende Juni bis Sept. in Kassel) im Rahmen des mit Documentageld geförderten Filmprogrammes zu sehen sein. Er allein war zu Berlinale-Zeiten lauffähig. |