| beute IV | Queer | Paradies | CallCenterBlau | Lips... | Lydia Lunch | Flüchtlinge | Pam Grier | Nullen | Sans Papiers | Surrealistinnen | Diskursregime |Ungarn |Ice Pool |Latifah|
| home | inhalt | impressum | abo | links | mail |


Ich bin die Beute

Teil IV

MUTTER, MACH MIR EIN BUTTERBROT

Mittwoch, eine Woche später, begann der Gang auf etwas zu, das hoch und scharf wie eine Guillotine Mutti genannt werden will.
Jedes Jahr kommt Weihnachten und mit ihm Mutter, um mit mir ein nützliches Weihnachtsgeschenk zu kaufen. Das Jahr davor war es eine beheizbare Schlafdecke, die am Neujahrsmorgen wegen eines Joints zerschmolz, Weihnachten 94 ein elektrisches Fleischmesser, mit dem ich endlich das bordeauxrote Ikeasofa zersägen konnte, das Mutter mir zu meinem Auszug geschenkt hatte (Mein Kind, hatte sie gesagt, ich weiß, daß du Bordeauxrot haßt, aber jeder kann mal seine Meinung ändern), und vor drei Jahren gab es eine Kulturtasche in Rot, in der sich bei meiner nächsten Reise eine Cremeflasche entleerte. 1992 war das Jahr des großen flauschigen Schafwollpullovers (bei 90 C gewaschen), die anderen weiß ich nicht mehr. Was soll ich sagen, die praktischen Dinge machen mich fertig, sie verfolgen mich, sie beherrschen mich, ich habe da eine ganz einfache Theorie: Mutter hatte sie angefaßt, und dabei waren ihre Moleküle auf die Dinge übergegangen, dann auf mich und dann ging alles kaputt.

Papperlapapp, sagte Love, die mir stirnrunzelnd zugehört hatte, all das sei Verweigerung, nicht mehr oder weniger als kindliche Verweigerung, weil mein regressives Selbst sich nie damit habe abfinden können, daß die Dinge zu etwas anderem als zum Spielen da seien und daß aus meiner Haltung eine konsquente Verdrängung des Todes abzulesen sei, läge doch klar auf der Hand. Du hättest dir deine zwei Semester Psycholgie ruhig sparen können, antwortete ich.

Der Busbahnhof lag am anderen Ende der Stadt, und das war gut so. Ich hatte Zeit, sagen wir einen Fingerhut voll. In der U-Bahn stand ich wie ein geknicktes Bäumchen in der Ecke, trug einen grünen Pullover, eine neue schwarze Jeans, die mir steif von den Beinen abstand, und starrte vor mich hin. Ich wünschte, die Zeit würde stehenbleiben, aber die dreizehn Stationen flogen dahin wie Strommaste, wenn man hundertzwanzig auf der Landstraße fährt. Guten Tag Mutter, hörte ich mein Überich stottern, wie schön, daß Du mich endlich einmal besuchen kommst. Leiderleider, ich lächelte süßlich, liebe Mutti, kommst du etwas ungelegen: seit letzter Woche besuche ich das Colloquium "Frauen in der nächtlichen Stadt". Die Professorin will, daß ich meine Doktorarbeit darüber schreibe. Du wirst verstehen, daß ich nur abends Zeit habe. Tagsüber rufen die Professorin, die Staatsbibliothek und die Forschung. Mach dich vom Acker, dachte ein kleiner zittriger, submissiver Vampir, und schließlich hörte ich die wohtemperierte Stimme einer achtundzwanzigjährigen, mitten im Leben stehenden Frau, die sagte, Mutti, ich habe mich verändert, setzt dich bitte, ich muß dir etwas sagen, aber es ist wie immer nicht deine Schuld.

Mutter kam also mit dem Bus, mit einem finsteren, aus Sparsamkeitsgründen unbeleuchteten Bus, der gerade kurz vor der Stadt im Schneematsch hin- und hergeschlingert war. Ich konnte ihr blasses Gesicht förmlich vor mir schweben sehen. Sicher saß sie an einem Fensterplatz, den dunkelblauen Mantel über den Knien sorgfältig zusammengelegt wie eine Serviette, und wickelte mit gut gepflegten Arbeitsfingern ein selbstgeschmiertes satt belegtes Mettwurstbrot aus einem Stück Pergamentpapier.

Sie werden wissen wollen, wo Love war. Love, meine Love. Ja, warum saß sie nicht neben mir und hielt meine Hand, warum tröstete sie mich nicht, warum sagte sie nicht, ich erledige das schon, ich meine Mutter? Sie hatte es vorgezogen, zu Dolores zu ziehen. Geliebte B. kam nicht in Frage, weil sie endlich einen Spender gefunden hatte, der ihre Fortpflanzung zu einem transzendentalen Happening erklärt hatte, einer Huldigung des Phallus, wie er es nannte, eine Hommage an die heilige Leuchtspur der Ejakulation. Klingt dekorativ, sagte Love, und daß sie Heterosexualität noch nie unter diesem Aspekt betrachtet hätte, sagte sie auch.
Genau, sagte Geliebte B. am anderen Ende: Es ist phantastisch, und all das verdanke ich nur euch.
Ja, sagte Love, genau das wollte ich gerade auch sagen, und legte auf. Geliebte B. ist wahnsinnig geworden, seufzte sie. Dann rief sie Dolores an. Lieber ein Universalradio als deine Mutter oder diesen phosphorizierenden Spermaspender, sagte sie auch noch.

So schlimm ist Mutter nun auch wieder nicht, erwiderte ich beleidigt. So schlimm ist Mutter auch wieder nicht, äffte mich Love nach. Soll das ein Witz sein, Liebes?

Ich meine, Nietzsche muß eine ungefähre Vision von deiner Mutter gehabt haben, als er seinen legendären Satz über die Peitsche schrieb.
Welche Peitsche?
Welche Peitsche. Love sah mich groß an. Und Du hast mal Germanistik studiert.
Ich sehe ihn genau vor mir, sinnierte sie dann, wie er dasaß und dachte, mein lieber Friedrich, und plötzlich in einer Art Blase vor seinem geistigen Auge - einer riesenhaften, glibbrigen Blase - ein Bild deiner Mutter erschien. Oh Gott, dachte Nietzsche, das ist es: Du bist tot, aber sie ist da.
Ich sagte, du redest 1a vertrocknete Kuhscheiße, und daß ich immer noch nicht wisse, worum es ging.
Laß mich doch ausreden, rief Love echauffiert. Ach, sie sah so schön aus mit ihrem aufgelösten Haar, dem weißen halb geöffneten Hemd, man konnte ihre Brust sehen, so wie bei den Wissenschaftlern in den Frankensteinfilmen, wenn sie fanatisch werden.
Was er damit gemeint hatte, sei immer falsch verstanden worden, dozierte Love, und schwang den Zeigefinger. Er meinte nicht im entferntesten, irgendwelche Frauen bräuchten mal ordentlich einen vor den Latz, oh nein, er hat an deine Mutter und ihre preußische Strenge gedacht, vor der er gerne auf die Knie gegangen wäre.

Du meinst Mutter ist SM?
Schon gut, stöhnte Love. Sie packte ihr Köfferchen, sie nahm einen ganzen Stapel Unterhosen aus dem Schrank. Was soll ich sagen, sie hatte sich darauf eingestellt, länger wegzubleiben, sie war gewissenhaft, sie vergaß nichts. Sie steckte ihr Haar hoch, knöpfte ihre Bluse zu, nein, sie wollte keinen Sex haben, sie zog einen dunkelblauen Nadelstreifenanzug an. Love tat alles, um nicht noch einmal wiederkommen zu müssen. Sie sah verdammt gut aus.

Love, flehte ich, Du kannst mich nicht mit ihr alleine lassen, aber sie antwortete: das geht ganz einfach, ich gehe bei Einbruch der Dunkelheit aus der Tür, schließe sie hinter mir und komme in zwei Tagen, wenn Mutti ihren Trachtenarsch aus der Stadt bewegt hat, wieder durch diese Tür zu dir zurück.

Und wenn die Alte muckst, sagte sie noch, als sie ihren Mantel anzog, schwarzes Kaschmir, dann zeigst du ihr einfach deine Zähne, das wird selbst sie beeindrucken.
Ich seufzte, du glaubst doch nicht, daß sich Mutter durch so etwas beeindrucken läßt.
Ich war in Unterwäsche, ungekämmt, ich roch nach Schweiß. Ich sah aus wie eine verwahrloste, arbeitslose lesbische Vampirin.
Liebes, sagte Love, und musterte mich wie jemanden, der dazu bestimmt worden war, Godzilla ins Auge zu spucken. Sie sagte, ich glaube an dich. Sie küßte mich, das Gesicht zwischen die Hände gepreßt, und knallte die Tür zu. Was soll ich sagen: Sie war weg.

Ein paar Tage vorher hatte ich es schon einmal versucht. Was soll ich sagen, wir, das heißt Geliebte B., Dolores, Love und ich, saßen bei uns zu Hause und spielten eine Runde Karten, und auch der Tequila zog zwischen Geliebte B. und Dolores seine Runden, als ich mal wieder davon anfing, ich meine von Mutter.
Mutter ist auch nicht immer so gewesen, sagte ich, als ich die Karten verteilte. Hat man sowas schon gehört, lachte Love so breit, daß ich ihre Weisheitszähne sehen konnte, hat man sowas schon gehört, die beiden anderen begannen zu kichern, während sie ihre Karten ordneten. Natürlich sagte ich, sie war einmal eine junge Frau mit einer großen, herrlichen Zukunft.
Ach hör doch auf, sagte Dolores, und warf eine Kreuzsieben auf den Stapel, zwei aufnehmen, sagte sie, und kratzte sich mit ihren pinkfarbenen Krallen unflätig am Brustbein. Nein, sagte ich, sie hatte auch ihre kleinen Fehltritte, ich meine, irgendetwas an ihr ist sehr menschlich. Menschlich, kicherte Geliebte B., die Fluppe im Mundwinkel, und sah uns frech grinsend an.
Sehr witzig, erwiderte ich, während ich die Karten vom Stapel pflückte, weil sie mir immer noch nicht richtig zuhören wollten, es gibt da nämlich eine Geschichte um Mutter.
Na, da sind wir ja alle gespannt, krächzte Dolores, was hat sie angestellt, was von all den fürchterlichen Dingen, die man so machen kann: Hat sie in eurem Dorfsupermarkt was geklaut. Oder mit dem Schützenkönig Oralsex gehabt?
Jaja, kicherte Geliebte B., und warf lachend ihre Tentakeln zurück, mit dem Schützenkönig, mit dem Schützenkönig ... Komisch, sagte ich, daß ich eure Witze überhaupt nicht komisch finde, keinen einzigen eurer Witze.
Was soll ich sagen. Keine von den dreien hatte im geringsten Lust, der Geschichte um Mutters Jugendsünden zu lauschen, dabei ist Maumau nun wirklich kein Spiel, auf das man sich sonderlich konzentrieren muß. Also, ich sah in die Runde, wenn mir hier schon niemand mehr zuhört, erzähl ich sie mir einfach selber.

Meine Mutter fuhr also eines Tages mit ihren Freundinnen in die Stadt, weg von ihren Männern. Was soll ich sagen, Sie kennen das vielleicht, wenn vier kreischende Provinzhühner mit frischtoupierten Haaren wie Zuckerwatte in den Regionalzug steigen und nichts weiter bei sich haben als ein paar Flachmänner und eine Packung Katzenzungen. Jede hatte ein Kleid an und jede hatte sich für eine andere Farbe entschieden. Eine für Braun, eine für Grau, eine für Karamel und eine für Förstergrün. Letztere sollte inzwischen bekannt sein. Sie hatten sich schon länger vorgenommen, nach Hamburg zu fahren, mit vereinten Kräften, wie sie das nannten.
Schließlich hatten sie jahrelang nichts als gearbeitet, sie hatten mit ihrer Hände Arbeit hektarweise Gärten umgegraben, gesät, um zu ernten, zehntausende Quadratmeter geputzt, die Geliebte/n des Ehemannes erwürgt und im Kompost verscharrt. Sie hatten zu Ostern Lämmchen geschlachtet, zu Weihnachten Gänse gefüllt, Torten gebacken, Marmelade gekocht und irgendeines ihrer vielen Kinder vertrimmt, weil es so blöd im Kopf war und später nur die Volksschule besuchen würde, dabei sollten sie es doch mal besser haben. All das hatten sie getan und mehr.
Jetzt wollten sie einen Bummel über den Jungfernstieg machen, danach Seelachsfilets fressen und Eis und Kuchen und kalte Platte, danach Hafenrundfahrt, Kaffeetrinken an der Alster, eine Bockwurst obendrauf und noch mehr Bummeln auf dem Jungfernstieg. Die Devise lautete: Das Leben ist so verdammt schön.
So rannten sie drei Stunden lang durch die Geschäfte. Rannten und rannten und rannten. Nun, aus irgendeinem dummen Zufall gefiel ihnen die Mode der Saison gerade nicht besonders gut, zuviel kreischende Farbe, man war schließlich keine Prostituierte, zuviel Bein, das konnte man sich bei den Krampfadern nicht leisten, zuviel 100% Polyacryl. Was soll ich sagen, das waren die Siebziger, und sie hatten nach sechs oder sieben Stunden immer noch nichts Vernünftiges gefunden, und die schlechte Laune kündigte sich so plötzlich an wie ein Kreislaufzusammenbruch.
Und was machen wir jetzt, kreischte die Braune enttäuscht. Sie standen in der x-ten Boutique herum, drehten sich auf den Hacken, besahen sich im Spiegel, registrierten, wie ihre hochtoupierten Frisuren einsackten, die ersten Laufmaschen, und kriegten eine megamäßige Scheißlaune. Eine von ihnen schmiss aus Versehen einen Kleiderständer um. Es war die Braune, sie hatte Schweißperlen auf der Stirn. Es war nicht mit Absicht, wie sie der Verkäuferin schrill ins Gesicht keifte. Die Verkäuferin versuchte ruhig zu bleiben. Die Frauen vom Land galten gemeinhin als kräftig. Man erzählte sich, daß sie das Schlachtvieh eigenhändig erwürgten, daß sie ihre Kinder mit Doppelkorn aufzogen und ihre Männer unangespitzt in den Boden schlugen, wenn sie ihnen krumm kamen. Man durfte nichts riskieren, man sollte sie nicht reizen.
All das half nichts, sie waren bereits gereizt. Es krispelte in der Luft. Die Graue begann ihre Fingernägel mitsamt der Schicht hochgiftigen Nagellack aufzuessen, und die Braune riß aus Versehen einen halben Ärmel von einer ausgestellten Bluse, während sie der Verkäuferin ins Gesicht lachte wie eine geschlossene psychiatrische Abteilung: Ha, ha, ha. Es mußte etwas passieren, dachte die kleine Verkäuferin, und lächelte die Frau in Karamel an, die an dem Ständer mit den Plateauschuhen tüttelte und die Melodie von Lucy in the sky with diamonds zweistimmig zu pfeifen begann. Es war allerhöchste Zeit, denn die kleine durchgedrehte braune Person mit der Schmetterlingsbrille im Jerseykleid, die sie Käfer nannten, meinte nämlich, sie habe das Gefühl, ihr platze gleich der Kopf und sie habe das Gefühl, das wäre nicht so schön.
Maria, sagte die Frau in Förstergrün da mit einer Stimme so spitz wie ein Eispickel, ich habe da in der Handtasche ein Packung mit Adumbran, wenn du jetzt also eine nehmen möchtest, ich bin mir sicher, die Verkäuferin holt uns ein Glas Wasser.
Keine schlechte Idee, beeilte sich die Verkäuferin zu sagen und rannte los: Die nehm ich auch ganz gerne, stotterte sie, als sie wiederkam, und fügte hintenan, daß es da einen Laden gäbe ... äh ja ... man nennt ihn ..."Die rote Lagune".
Alle starrten sie an. Die Braune schluckte ihre Pille und reichte das Wasser weiter.
Was issen das, sagte die Graue, und hielt beim Kauen der Fingernägel für einen Moment inne, um ihre Tablette zu schlucken. Und vor allem, wo isses denn, wenn man mal umstandslos fragen darf?!
Gleich um die Ecke von der Davidswache, rief die kleine Verkäuferin. Ach Mensch, rief die Käfer, schon leicht bedröhnt, das ist ja kolossal, ich glaub’, das kenn ich, da war ich auch schon.
Davidswache. Was solln das schon wieda sein, murmelte die Graue, sie hatte sich entschlossen, zwei zu nehmen, klingt irgendwie christlich? So ähnlich, stieß die Verkäuferin hervor, und daß sie jetzt ein Taxi rufe, damit die Damen, sie atmete stoßweise, noch was hätten von ihrem Ausflug. Nicht schlecht, sagte Mutter, gab ihr eine Tablette und fragte sie, ob sie nicht mitkommen wolle.
Anstatt in diesem Puff hier zu versauern, schrie die Käfer. Die Verkäuferin schüttelte mit dem Kopf. Auch gut, sagte die Käfer.

Zu diesem Zeitpunkt - die Sonne schien, die Autos hupten ausgelassen auf der Straße, Polizisten prominierten wie kleine erigierte Gurken über den Jungfernstieg - hätte niemand auch den Anflug eines Verdachts gehabt, und wer hätte außerdem wissen sollen, daß eine harmlose kleine Verkäuferin und Frau Käfer, Kontakt zum Rotlichtmilieu und zur dritten Welt unterhielten.
Kolossal, sagte die Käfer im Taxi, Mädels! Das wird euch auch gefallen. Also fuhren sie Taxi, und ganz schön angeschickert waren sie auch schon - Mutter meinte, jede von ihnen hatte mindestens vier Verschlußkappen Doppelkorn, drei Alsterwasser und zwei Sekt intus. Es gab Momente, die man gut und gerne als Filmriss bezeichnen könnte, aber auch solche kristalliner Aufmerksamkeit.

Dann standen sie vor der nervös blinkenden Leuchtreklame. Darunter stand vielleicht ein Kerl, ein Bär von einem Mann mit einer cholerischen Gesichtsfarbe. Rot war auch die Farbe des Vorhangs, durch die sie gleich darauf unsanft bugsiert wurden.
Heyheyhey schrien sie alle entrüstet, aber es machte auch Spaß. Dahinter lag ein dunkler, karg eingerichteter Raum mit ein paar blinden Spiegeln an den Wänden und einer Theke, an der niemand saß außer einer dicken, auffallend lila geschminkten weißhaarigen Dame namens Lola Pop, die mit ihren Augen narkotisch in einem Martiniglas rührte, als die Vier hereingestolpert kamen. Und abrupt verstummten. Lola Pop hob den Kopf. Nickte huldvoll: Schönschön, schnarrte sie, auf euch haben wir gewartet. Ihre Augen waren smaragdgrün.
Nette Frau, sagte meine Mutter.
Die Luft hatte was Säuerliches, auf einmal starrten alle nach links hinten.
Als Mutter da hinsah, wo eigentlich alle hinguckten, die da gelangweilt auf ihren Stühlen hingen, schlaffe Silhouetten, vor einer Bühne im dunstigen Licht, wußte sie, was das für ein Geruch war.
Da oben waren zwei zugange, pfuideibel, meine Herrn, wie Mutter entrüstet erzählte, ein Mann, der aussah wie die Antwort auf Goliath, klein und schmächtig, und eine Dame, ebenfalls klein und schmächtig, nein, sagte sie zart, Frauen sind zart und nicht schmächtig. Der Mann lag auf dem Boden, und sie saß auf ihm und ritt jauchzend in Richtung eines karibischen Sonnenuntergangs, der im Hintergrund als Fototapete angeheftet war, wobei sie ihre künstlich gefärbten roten Haare rhythmisch nach hinten warf und wie eine hängengebliebene Platte stöhnte.
Mutter wollte schon auf dem Absatz kehrt machen, aber gerade als sie das tun wollte, setzten sich die drei und starrten auf die Bühne. Man hätte sie losoperieren müssen, sagte Mutter, und ehe sie sich versehen hätte, waren zwei von ihnen, die Graue und natürlich Frau Käfer, mit Männern im Gespräch, seltsamen Typen in kurzen braunen Kunstlederjacken, schwarzen Stoffhosen und streichholzbreiten Oberlippenbärten, die angeblich aus Bargteheide kamen. Ihren eigenen Aussagen nach schwankte Mutter zwischen Weinen und stummem Entsetzen. Sie hätte gehen wollen, aber als sie sich auszumalen begann, was draußen ihrer harren würde, überlegte sie es sich noch mal anders. Nicht auszudenken, erzählte sie, man hatte schon die schrecklichsten Sachen gehört, Frauen waren verschleppt, ausgepeitscht und verhökert worden. Also schloß sie die Augen. Als sie sie wieder öffnete war alles so wie vorher, die anderen starrten nach vorne, wo im Schweiße des Angesichts so eindeutig gesündigt wurde, daß sich die Fototapete schamhaft in Dunst hüllte. Da habe sie endgültig resigniert, endgültig die Augen geschlossen und endgültig zum lieben Gott gebetet, daß das alles ein schnelles Ende nehmen und sie wieder herauskommen würden. Gott sollte ihren Wunsch erhören, aber etwas freier interpretieren.

Irgendjemand giggerte. Dann hörte sie Gläser klirren, noch mehr Giggern, schließlich den ersten kreischenden Auflacher, wie wenn man jemanden unvermittelt in die Seite piekst, noch einen und noch einen. Sie hätte für einen Moment ihr rechtes Augenlid hochgezogen. In diesem Moment hätte die ganze Gruppe wie auf Kommando die Köpfe zu ihr gedreht und ihr zugeprostet. Erst hätten die Freundinnen gesagt, mensch Erika, jetzt hab dich man nicht so, und Erika, nur ein bißchen, und dann hätten die Freundinnen gerufen, mensch Erika, schließlich hätten sie lauthals Erika gerufen, immer wieder Erikaerikaerika. Mutter meinte, da hätte sie einfach schlecht nein sagen können, schließlich sei sie den Frauen auch zu was verpflichtet gewesen, man sei ja nicht umsonst miteinander im Beirat des Schützenvereins und im Kegelverein.
Frau Käfer war aufgesprungen und kreischte, wir zeigens unsern Kerlen, und was glaubst du denn eigentlich Erika, was die tun, wenn die in die Stadt fahren, denkste Hafenrundfahrt, neenee, denkste Zoobesuch, von wegen?!
Gott, wie sie alle schrien.
Die Käfer wankte: Der ihren Zoo möchte ich sehn ... da gibts nur eine Sorte Tier, und das hat zwei Titten und nen großen Schlitz. Jawoll. Mutter sagte: Maria, du bist vulgär, so kenn ich dich gar nicht. Schnaps, das war sein letztes Wort, da trugen ihn die Englein fort, lallte das Karamel und kicherte, wehe wenn sie losgelassen ... Du mußt die Plausibilität der Aussage abwägen, schrie die Graue, du wirst schon sehen, und schlug einem der Bargteheider auf den Schenkel, dessen Lächeln automatisch zerrann.
Genau, sagte die Käfer, sei doch mal ein bißchen dialektisch. Okay, okay, sagte Mutter, isjaschongut. Also hatte sie, soweit das eben ging, These und Antithese gebildet, darüber nachgedacht, und je mehr sie darüber nachgedacht hätte, desto plausibler sei ihr die Antithese erschienen, und dann habe sie, um die Plausibilität feucht zu halten, noch ein klein bißchen mehr gekostet, dann hätte noch einer was geschmissen und noch einer. So kam es, daß Mutter der plausibelsten Plausibilität ihres Lebens begegnete. Sie kam in Form einer weißen Zigarre, die herumgereicht wurde. Die Indianer rauchten auch solche Friedenspfeifen, erklärte einer der Männer, man täte das neuerdings auch in Hamburg. Tja, sagte Mutter und inhalierte: Ganz schön kräftig, murmelte sie anerkennend, und daß gegen Frieden eigentlich niemand sein könne.
Die Männer hätten dann auch ihre Jacken ausgezogen. Unter erneuten Kreischern hätten die drei anderen deren Tätowierungen begutachtet: sinkende Schiffe, rostige Anker, nackte Frauen mit gigantomanen Brüsten und Brustwarzen wie Untertassen, die wackelten, als der Typ seine giagantomanen Bizepse anspannte. Der Käfer beschlugen vor Aufregung die Brillengläser. Das sei wirklich toll, schrie das Karamel, die SS-Rune auf dem Oberarm ihres Vaters sei nichts dagegen. Na ja, irgendwann fand Mutter es dann doch ganz lustig.
Auch auf der Bühne hatte die Szene derweil gewechselt. Zu David gesellte sich in der Tat Goliath, in dem Mutter den cholerischen Aufpasser erkannte, und was dann geschah, habe Mutter mit Fräulein Rothaar heftig mitleiden lassen, zwei gegen eine, das sei schon ganz schön gemein gewesen.

Dann passierte wieder etwas. Die Stimmen wurden leiser, Mutter sah nicht mehr gut: Die Dinge waren mal nah und mal fern, das machte sie ganz konfus. Als nächstes wurde ihr schlecht.
Macht nichts, dachte sie, wenn es einem schlecht wird, geht man auf Toilette und erleichtert sich. Irgendwie sei sie zurück zur Theke gekommen, wo sie die dicke Frau nach dem Klo fragte, die mit einem Schulterzucken in Richtung eines schwarzen samtigen Vorhangs wies, und gerade als sie darin verschwunden war, sei ihr schwindelig geworden. Mutter fiel und fiel und fiel: Was soll ich sagen, sie fiel in die formlosen Tiefen eines endlosen schwarzen Lochs.

Als sie wieder aufwachte, lag sie ganz weich, es fühlte sich an wie Fell. Mutters Gesicht war naß. Vielleicht hatte sie geweint. Vielleicht hatte es geregnet, vielleicht war es Blut.
Jedenfalls war es immer noch dunkel. Mutter tastete. Ihr Gehirn war auf die Größe eines Fußballs angeschwollen. Der Kopfschmerz war unerträglich. Sie fühlte etwas noch Wärmeres und noch Weicheres zwischen den Fingern, sie tastete, erstarrte, tastete weiter, bereits gelähmt vor Angst, tastete über einen Körper, einen weiblichen Körper, sämiges Bauchfleisch, volle Brüste, fummelte immer weiter über Mund, Nase, Ohr, immer tapfer, solange bis sie einen Lichtschalter gefunden hatte. Klick.
Ein gemeines Gelb fiel von der Decke. Mutter preßte die Augen zu. Versuchte sich langsam, ans Licht zu gewöhnen.
Das Zimmer war das verschimmelste Zimmer, das sie in ihrem Leben gesehen hatte, die Tapeten hingen in breiten Streifen bis von der Decke, von der es zaghaft tropfte, und über ihr Kopfkissen krabbelte ein kronkorkengroßes Tier in Richtung von Frau Käfers Nase. Frau Käfer lag neben ihr auf der Matratze und schnarchte, war nackt und tat, als ginge sie das Ganze nichts an. Die Matratze sah epidemisch aus. Außerdem war da nur noch ein Stuhl und ein großer Spiegel, und über dem Stuhl hingen fast alle ihre Sachen bis auf den Slip und den hautfarbenen BH, weil sie die anhatte.
Mutter hatte infernalische Kopfschmerzen und spürte ein merkwürdiges Brennen am Hintern. Als sie hinfaßte, wäre sie fast an die Decke gegangen, wie sie sich ausdrückte, da raschelte es neben ihr. Frau Käfer drehte sich mit einem schwerfälligen Seufzer vom Rücken auf den Bauch. Wälzte sich einmal um sich selbst. Zweihundert Pfund blühendes Leben kamen in Bewegung. Mutter erstarrte. Fiel fast in einen katatonischen Zustand. Schrie. Und wurde geschlagen. So, daß es ihren Kopf beinahe von den Schultern fegte. Die Stimme von Lola Pop seufzte entnervt, es ist sieben in der Frühe, du weckst ja alle auf!
Mutter verstummte. Über ihr im lindgrünes Frottee gehüllt stand der dicke Bär von der Bühne und rieb sich die Hände, die ihm vom Schlagen schmerzten, und neben ihm stand Lola Pop im rosa Négligé und roch koffeingestählt.
Den nächsten Schrei erstickte Mutter mit der eigenen Faust. Statt dessen begann sie zu weinen.
Warum weinte sie, fragte Dolores. Ja, sagte Geliebte B., warum bloß. Ha, jetzt waren sie doch auf einmal neugierig geworden.
Nun, sagte ich, und sah noch einmal in die Runde: Das kann ich euch wohl sagen.

Auf dem Rücken der Käfer segelte ein riesiges Segelschiff, ein Dreimaster in allen Farben, es war ein altes Holzschiff mit einer Hermaphroditin als Gallionsfigur, die ihren kleinen Pimmel zum Himmel reckte und in Lachsrosa strahlte wie ein Barockengel. Das Schiff hätte genauso wie Frau Käfer Maria geheißen, und es sei über die Wellen in Richtung des großen Abgrunds gesegelt, der irgendwo jenseits ihres Rückens begann - es erstreckte sich über beide Schulterblätter, sie hatten nichts vergessen, sie hatten ihr jede Schraube eintätowiert.
Du, wiederholte der Typ, der sie geohrfeigt hatte, die ganze Zeit. Er brummelte du viel besser, du viel größer, und zwinkerte sie an.
Na und? wehrte Mutter ab, aber der Typ hörte nicht auf, und Mutter sagte, ich viel besser? Sie zeigte auf sich. Lächelte. Fast geschmeichelt. Wieviel besser?
So, sagte der Bär und zeigte mit den Händen, seinen Händen mindestens zwei Handbreit. Mutter nickte irritiert.
Du machst sie ganz konfus, krächzte Lola Pop da und zog Mutter am Arm. Los, komm schon, sagte sie. Ja aber, stammelte Mutter. Lola Pop grinste: Nix aber, willstes sehen oder nich. Und zerrte sie zum Spiegel.
In diesem Moment sei ihr wohl alles egal gewesen, da habe sie, meinte Mutter, trotzdem dieser Gorilla und seine Jane neben ihr gestanden seien, ihre Unterhose gelüpft und in den Spiegel nach der brennenden Stelle gesucht. Das war nicht allzu schwer.
Du haben wollen, sagte der bärtige Mann, du haben wollen, ehrlich, und dann lächelte er breit. Er wirkte richtig gutmütig. Im Hintergrund gab es einen rauchigen vulgären Kreischer.
Mutter meinte, es war wie die Stunde des jüngsten Gerichts. Da stand so ein Ausländer vor ihr, irgendsoein Zuhälter aus der dritten Welt, und grinste sie an, hinter ihr lachte meckernd eine Nutte und sagte, sie könne ihr den Vertrag zeigen.
Waswaswas? kreischte Dolores.

Es war eine Nixe mit meergrünen Augen und Brüsten, so straff und prall wie die Airbags, die erst zwei Jahrzehnte später erfunden werden sollten. Sie hatten so viel Übergewicht, daß Mutter der Arsch vom bloßen Hinsehen zu hängen begann. Was für ein Prachtstück aus Fleisch und Haut. Was für ein Gemälde.
Mutter schrie erneut. Jedenfalls öffnete die Käfer neben ihr die Augen und verkündete, sie hasse Mutter, wenn sie so schreie. Tat immer noch unschuldig. Aber Mutter hörte nicht auf. Sie rannte zum Bett. Sie begann die Käfer zu schütteln. Die Käfer ließ sich schütteln und verstand nur Bahnhof. Heulte später wie eine Garnison SOS Kinderdörfer.
Tja, und dann verlangte Lola Pop auch noch Geld von ihnen, von der Käfer sechshundert und von Mutter sogar siebenhundert deutsche Mark, wegen der Größe. Als Mutter sich weigerte, sie weigerte sich immer, wenn es um Geld ging, wurde der Typ sauer, und im Hintergrund säuselte Lola, gibs ihr Achmed. Mutter meinte, da hätte man ja mal wieder sehen können, wie diese Leute mit einem umspringen, da habe sie sich ernsthaft gewehrt. Erst habe sie ihm ernsthaft den Arm verdreht, daß es krachte und sie dachte, er flutsche gleich heraus wie ein gebratener Hähnchenschenkel. Dann habe sie ihm ein paar kräftige Tritte in den Hintern gegeben, bis er hinfiel. Daß Lola Pop hinter ihr eine kleine Pistole mit einem Perlmuttgriff aus dem Dekolleté zog, merkte sie nicht: Als sie: Na, wirds bald, zischte, war alles zu spät.

Mutter konnte sie runterhandeln und gab dann sechshundertfünfzig. Frau Käfer gab einen Scheck. Zu Hause gab es den Ärger des Jahrtausends.
Mutter hatte drei Monate an Papa ranreden müssen bis er von dem Gedanken losließ, sie hätte sich prostituiert, er wollte sich scheiden lassen, aber wir waren noch so klein, meinte Mutter, das hätte sie wegen uns nicht gemacht.
Und? fragte Love.
Und was?!
Was, die Tätowierung?
Was soll ich sagen, grinste ich. Sie haben ein Stück Haut aus dem Oberschenkel genommen und ein Stück Haut vom Unterschenkel und ein Stück Haut vom Rücken: Seither hat Mutter einen Arsch wie eine Patchworkdecke.

Der Busbahnhof war weit und leer, eine Art zugige Riesentankstelle ohne Zapfsäulen in Orangegrün. In der Halle saßen ein paar Leute auf den festgeschraubten Plastikstühlen, tranken Dosenbier und schnippten kleine Zigarettenstummel auf Zigarettenstummelberge. Dann kam ein Bus, eine Horde Touristen stolperte lachend und wild gestikulierend aus dem Bus, Koffer wurden herumgeschoben. Es gab eine Zeit lang Geschrei, die Gruppe zerstreute sich, die Welt war wieder leer und zugig. Über das bleiche, flache Gesicht der Uhr im Wartesaal raste der Sekundenzeiger wie ein kleiner dünner Finger. Ich rauchte unablässig.
Dann sah ich den Bus, fleischrot, er schob sich im Reißverschlußverfahren auf den Bahnhof zu, er umkreiste mich und die ganze leere Fläche des Bahnhofs wie ein riesiges, gut gebändigtes Tier eine Manege, dann hielt er, die Leute stiegen aus.

Es war das Trachtenrevers, diese dünne Linie aus Grün und weißen Blüten, woran ich sie erkannte. Sie trug einen Hut, einen schief sitzenden Hut aus Filz mit einem kleinen Büschel vom Wildschwein, als sei sie auf der Jagd.
Was soll ich sagen, ich sah mich augenblicklich als gehetztes kleines Tier zwischen Gebüschen und Bäumen fliehen, mit Blut in den Lefzen, Blut, das mir anstelle von Schweiß aus den Poren trat, ich sah mich erneut in jener Nacht, als ich vom Grauen gejagt bis auf meine rote Unterhose entblößt durch den Wald gehetzt wurde.

Als Mutter mich sah, ließ sie ihren Blick einmal von oben nach unten und von unten nach oben über meinen Körper gleiten, dann schüttelte sie mit dem Kopf. Sie begann auf mich zuzueilen. Dann kam eine Hand auf mich zugefahren, eine kleine Hand mit kopierten Nägeln.
Guten Tag, mein Kind, bellte Mutter. Und musterte mich. Ich mißfiel ihr, das konnte ich sehen. Doch noch bevor sie etwas über mein Aussehen sagen konnte, hatte ich meine Hand, klebrig und schlaff wie ein Marshmellow, ausgefahren. Wir schüttelten uns mit geballter Lehmannscher Kraft, aber das reichte Mutter nicht, sie hielt mir die Wange zum Kuß hin. Na komm schon, seufzte sie und wies auf ihre Wange.
Da stand ich nun und blickte auf die kleinen Mutterfurchen, Mutterhärchen und Muttermale. Es schwindelte mich. Wie lange hatte ich sie nicht mehr geküßt. Was sollte das? Ich sah mich um. Die Leute sahen uns an, sie wollten es haben. Eine Frau nickte mir aufmunternd zu. Ein alter Mann stöhnte bewegt. Dann hörte ich ein leises, ein resigniertes Schmatzen, eher das Echo eines Schmatzens ... meine Lippen waren für den Bruchteil einer Sekunde auf dem niveagecremten ewigwährenden Felsen ihres Gesichts gelandet.
Einige Leute klatschten. Andere raunten.
Schön Gaby, daß Du mich abholen kommst, sagte sie.
Ja, seufzte ich, am besten bringen wir erstmal deine Sachen zum Hotel.

Schön schlank bist Du geworden, sagte Mutter auf dem Weg zur U-Bahn, schön schlank, stellte sie erneut fest, und marschierte, während sie mich mit einem Blick von der Seite prüfte, mit dem Schlachter normalerweise Schweinehälften nach Maden absuchen, auf den U-Bahnsteig. An der zweiten Station meinte sie, mein Gesicht sei geradezu schmal und hohlwangig, aber irgendwie schön schlank.
Wir schwiegen eine Station lang. Sie musterte mich erneut mit einem Anflug von Mißtrauen, bis sie sich an der vierten schon wieder dazu durchgerungen hatte zu sagen, ich sei wunderbar schlank. Ich sagte wieder nichts. Nun, führte sie aus, früher hätte ich ja immer eine Neigung ins Enthemmte, Konturlose, ja geradezu Elefantöse gehabt, ich zuckte zusammen.
Du hast wirklich völlig enthemmt in dich reingefressen, seufzte sie, und lächelte einen alten Mann an.
Immer wenn sie die Schokoladenvorräte durchgesehen hatte, waren sie verschwunden, Mutter wurde lauter und sah sich demonstrativ nach Zuhörern um. Und wo waren sie?
Mutti, sagte ich da, wir sind nicht zu Hause.
Nein, erwiderte sie scharf, wir sind nicht zu Hause, leider: Zu Hause ist es ganz anders, sagte sie, das da drüben ist bestimmt ein Türke, flüsterte sie im aufgebrachten Ton, was soll ich sagen, es klang nicht gerade kulturell interessiert, wenn Sie verstehen, was ich meine, sie wies unauffällig mit ihrer Nasenspitze zu einem Mann, der eine türkische Zeitung las. Ja, wo waren wir stehengeblieben, seufzte sie dann, ach ja Schokolade ... Gabys Bauch.

Du mußt unbedingt mal wieder kommen, flüsterte sie dann.
Mach doch mal Urlaub, Papa und ich haben jetzt eine Garage für den Zweitwagen bauen lassen.
Soll ich etwa in der Garage schlafen?
Borchardt hat sie für gut die Hälfte gemacht, zwanzigtausend für vierzigtausend, das kann doch kein Mensch bezahlen, flüsterte Mutter weiter, aber dann sagte sie mit einem weiteren Seitenblick, meine Hose sei ein bißchen dunkel und mein Wollpullover würde meinen Busen verdecken, der doch ganz annehmbar sei, soweit sie sich daran erinnern könne, sagte sie, ob ich denn immer noch so darauf bestehen würde, ganz und gar unweiblich zu sein.

Was soll ich sagen. Ich erfuhr weitere sieben Stationen lang, daß mein Busen nicht so konsequent hängen würde, wenn ich mich zwischen vierzehn und achtzehn nicht so konsequent geweigert hätte, BHs zu tragen, ich erfuhr, daß Borchardts immer bei ihnen Mittag gegessen hatte und daß er gesagt hätte, Mutters Rouladen seien einsame Spitze, und ich erfuhr vom Unfalltod des Filialleiters Hübner, der sich mit dem Wagen überschlagen hatte und von einem Spaten geköpft worden war, den er unvorsichtigerweise hinten auf den Rücksitz anstatt in den Kofferraum gelegt hatte.
Dein Vater hat eben Ehrgeiz, erklärte sie mir dann, jetzt sei es doch schneller gegangen mit dem Aufstieg. Dann berichtete sie von Frau Käfer, die in Scheidung mit ihrem Mann lebte, weil der eine andere hatte, eine jüngere, eine Boutiquebesitzerin aus der Stadt.
Ich sagte, Frau Käfer, ist das nicht ... ,jaja, machte Mutter hastig, ich glaube wir sind da, obwohl sie das gar nicht wissen konnte.

Das Hotel zur Post lag an einer vierspurigen Straße. Im Foyer standen Funiermöbel, hinter dem Empfangstisch neben den Schlüsseln hing ein schreiendbuntes Porträt mit einem Mädchen, dem große Krokodilstränen aus den Augen liefen. Ich glaube, Mutters Tätowierung war in einem ähnlichen Stil gewesen. Die Hotelwirtin in einem grünen Häkelkleid begrüßte uns mit einem offenen Lächeln, bei dem nur ein paar Reststummel von Zähnen zum Vorschein kamen, sie schrie Geo, das war ihr Sohn. Ich hatte nicht gewußt, daß es in meiner Stadt Leute gab, die aussahen wie in schlechten Mafiafilmen mit cremegelben Anzügen, rosa Krawatten und schwarzen Seidenhemden. In jedem Fall war er einer der Männer, die es immer besonders eilig hatten. Der kleine Fleck rechts neben dem Reißverschluß war das beredte Zeugnis der Tatsache, daß sich Geo nach dem Wasserlassen höchst unzureichend abschüttelte, außerdem trug er eine Rolex.
Als Mutter versuchte ihn per Handschlag zu begrüßen, war er so verduzt, daß er ihr die Hand gab, dabei hätte der Typ selbst Love dazu bewogen, den Kleiderschrank von innen vor die Hotelzimmertür zu stellen.
Sie mochten sich: Mutter und Geo. Es geschehen eben manchmal Wunder.
So kam es also, daß Mutter auf einmal alles romantisch fand, das Hotel, sie fand Geo sei eine echte Type und seine Mutter müsse sich einfach mal die Zähne machen lassen, dann sei alles paletti. Was soll ich sagen, ich war entsetzt. Mutters Stimmungsbarometer stieg wie eine Stangenbohne bis zum Himmel, sie zwitscherte und schäkerte mit Geo, verabredete sich für den nächsten Tag zum jour fix und foxi, wie sie es nannte, bei dem sie gemeinsam die Sehenswürdigkeiten der Stadt besuchen wollten, und schien seine gelbe Panne offensichtlich dezent zu übersehen. Was soll ich sagen, offensichtlich hatte ihr Hausarzt sie in eine neue Versuchsgruppe für Tranquilizer genommen.

Dann gingen wir essen. Was soll ich sagen, Mutter führte mich in ein Restaurant Altdeutsche Eiche, und diesmal hatte ich ein echtes Problem. Mutter hatte mir ein Gericht aufgedrängt, gutes Kalbsfleisch, Champignonrahmsauce mit Weißwein abgeschwenkt, Rösti und dazu einen frischen Kopfsalat, ein Zürichgeschnetzeltes. Etwas Handfestes, sagte sie, sie hätte schon Angst gehabt, wir gingen zum Italiener. Wenn Mutter zum Italiener geht, bekommt sie grundsätzlich Dünnpfiff, wie sie mir erklärte, während ich versuchte ein Stück Kalb unauffällig in meiner Wange zu verbergen, sie könne diese ausländischen Dinge einfach nicht essen. Ich sagte, die Schweizer sind schließlich auch Ausländer, genauso wie die Österreicher, oder. Na ja, sagte Mutter, du sprichst mit vollem Mund wie eine Dreijährige, und spießte sich ein großes Stück Kalbsfleisch auf die Gabel, dann begann sie selbstvergessen zu rechnen, zu Hause hätte sie das ganze Gericht für ... zwanzig Mark das Fleisch, vier Mark Champignons, vier Mark saure Sahne, Salat hab ich selber, Kartoffeln auch ... für sageundschreibe dreißig Mark für vier Personen machen können, hier kostet es pro Person neunundzwanzig Mark, triumphierte sie, während ich ein paar Stücke Zürigeschnetzeltes unter die Tischdecke schob und dabei in ihre Richtung lächelte. Alles in allem also hundertundsechzehn Mark, sie rechnete, das ist fast vier Mal so teuer, wie wenn ich es alleine mache, und dann fügte sie wie beiläufig hintenan, die Österreicher waren ja auch schon mal Deutsche.
Was soll ich sagen, ich meine, wir leben in einer Demokratie und wir haben Meinungsfreiheit, jedenfalls sollte das so sein. Jetzt mal ehrlich, finden Sie, daß das unbedingt auch für Mutter gelten sollte?!
Nun, Demokratie hin oder her, ich wußte immer noch nicht, was ich mit dem Essen machen sollte. Ich hatte vielleicht ein Viertel des Tellers unter der Tischdecke, in meinen Hosentaschen und in den Hemdsärmeln verstaut, es war Zeit für mich, auf Toilette zu gehen. Danach konnte ich das auch vergessen. Ich brauchte einen anderen, einen besseren Plan.

Was soll ich sagen, mir fiel ein, wie ich ihr den Appetit verderben konnte, sie selbst gab mir das Stichwort, als sie sagte, sie wolle nicht über Politik reden, schließlich täten das die Männer den ganzen Tag (die Männer waren Herr Käfer und mein Vater und ihr nunmehr vierzigjähriger Streit darüber, ob Willi Brandt Deutschland verraten habe, als er nach Norwegen emigrierte). Und dann sagte sie noch, sie sei eine durch und durch unpolitische Frau, mindestens so unpolitisch wie die Frau vom Schah von Persien. Was soll ich sagen, Mutter liebte hinkende Vergleiche.
Die Frau vom Schah von Persien war eine ganz arme Person, sagte meine Mutter. Noch ein bißchen Rösti, Gaby?! Sie tat mir auf.
Ich räusperte mich. Schon gut, Mutter, nein danke sagte ich, hör auf, zischelte ich, erst da stellte sie die Schüssel wieder hin, und ob sie eigentlich wisse, wann Österreich zu Deutschland gehört habe.
Es gab eine Kunstpause, denn Mutter, Neunzehnhundertvierzig geboren, bekam auf einmal Hautauschlag, der sich in Form kleiner roter Flecken an ihrem Hals und an dem verstohlenen Dekolleté ihrer hellblauen Baumwollbluse mit Trachtenbesatz abzuzeichnen begann. Da saß sie nun und wurde echt sauer.
Fängst du jetzt wieder an über den Nationalsozialismus zu reden? zischte sie.
Warum Nationalsozialismus, Mama, liebe Mama, liebe Mama, beschwichtigte ich sie, ich habe doch nur eine einfache Frage zur Geschichte gestellt, sagte ich, und warum sie sich so ereifere, ach keifte sie, jetzt würde ich gleich wieder anfangen über die Juden zu reden, das wüßte sie ganz genau, über Juden, über Schwarze, über ..., sie fuchtelte mit den Armen ..., dabei mache sie das Thema einfach fertig.
Vergangen ist vergangen, sagte sie, und daß es kein Wunder sei, daß ich so dunkle Augenränder hätte, wenn ich mir das ganze Leid der Welt auf die Schultern legte, aber was vorbei sei, sei vorbei, damit müsse auch ich mich abfinden, und Opa hätte keinem einzigen Juden was angetan. Er hätte nur an den Endsieg geglaubt, an einen hübschen Endsieg mit ein paar hübschen Ländereien in Osteuropa. Deutschland, sagte Mutter, drohte seinerzeit nämlich aus den Nähten zu platzen.
Sie sprang auf, der Stuhl stürzte, sie war sehr aufgebracht.
Ich hatte nicht damit gerechnet, daß es so einfach gehen würde. Mutter rauschte zur Kasse, bezahlte eine Unsumme Zürigeschnetzeltes, was nun endgültig auf den Tellern verderben würde, wie sie mir ins Gesicht schrie, und bereits auf der Straße angekommen, schrie sie einfach weiter. Du bist unmöglich, schrie sie, und daß Papa das auch sagen würde, ein Versager ersten Ranges, und wie es mit mir stark abwärtsgehe, Sodom und Gomorrha, schrie sie: Kein Wunder. Nichts im Kopf als Frauenficken. Ja, sagte ich, wo du recht hast, hast du recht. Aber mußt du unbedingt ficken sagen. Wir lieben uns, sagte ich, Love und ich, folgerichtig machen wir Liebe.
Mutter reichte es. Ihre Tochter, und das war ich, liebe Leserinnen, Laisy Lehmann, machte sie hier mit dem Nationalsozialismus und Frauenficken fertig, hier auf irgendeiner x-beliebigen Straße an einem Dezemberabend des Jahres 1996, als sie friedlich und harmonisch gestimmt in die Stadt gekommen war, um mir einen Schuhschrank zu Weihnachten zu kaufen, was sie nun unter hysterischen Schluchzern schrie. Und außerdem, das schrie sie auch noch, sei sie nicht von gestern, und ficken sagt heute jeder im Fernsehen.
Mutter, sagte ich langsam und betont ruhig, was ich dir bei dieser Gelegenheit auch noch sagen sagen wollte, du mußt mir nichts mehr zu Weihnachten schenken. Bittebitte keinen Schuhschrank.
Warum? Fragte sie knapp.
Was soll ich sagen: Ich habe nur ein Paar Schuhe.
Sie starrte an mir runter. Ein Paar Schuhe, sagte sie nachdenklich.
Dieses Paar Schuhe, dieses häßliche Paar Treter?! Meine Tochter ist eine Schlampe, seufzte sie dann, eine echte Schlampe vor Gott dem Herrn.

Was soll ich sagen, ich meine, ich wollte etwas sagen in der Art, nein, Mutter, ich bin keine Schlampe, und wenn sie noch einmal Gott, der Herr sagt, könnte sie mal erleben ... aber Mutter hörte mir gar nicht mehr zu, so war es immer. Erst schreit sie Zeter und Mordio, und dann interessiert sie sich auf einmal nur für die Sehenswürdigkeiten, aber dann bemerkte ich, daß Mutter abgelenkt worden war. Sie stierte auf etwas, das aus dem Hauseingang getreten war, was soll ich sagen, der Begriff Sehenswürdigkeit hatte es gar nicht so schlecht getroffen.
Es war die alte Frau.
Sie hatte eine neue große Handtasche in Gletscherblau, was soll ich sagen, der Dinosaurier unter den Handtaschen, eine Art Gefriertruhe mit Henkel. Wir hätten alle Platz gehabt, ich meine ich und Mutter.
Ansonsten sah sie ziemlich runtergekommen aus, was soll ich sagen, mit ihrer Frisur, die an ein zertretenes Vogelnest erinnerte und dem zerschlissenen Mantel. Das einzige was fehlte, war ihr Hund. Irgendwie logisch. Schließlich hatte ich gesehen, wie er explodiert war. Sie lächelte. Was soll ich sagen, sie trat ein paar schlurfende Schritte näher.
Was will sie, fragte Mutter, und klammerte sich an meinem Arm fest. Geld?!
Nein, flüsterte ich, das sicher nicht.
Die kleine Frau öffnete ihren kleinen viereckigen, klagenden Mund. Ihre Zähne waren, was soll ich sagen, eine dentale Katastrophe: gelbe Hauer im weichen, schwelenden Zahnflisch. Ich wette, ihr Bonusheft hatte keinen einzigen Eintrag.
Das wird teuer, flüsterte ich.
Du hast meinen Hund umgebracht, zischte die Frau, und kam noch näher, Mutter drehte sich zu mir, du hast was, Gaby? Entrüstet schüttelte ich den Kopf.
Aber Mutter stand immer schon auf der Seite der anderen. Schon als ich noch zur Schule ging. Der Lehrer hatte immer recht. Auch jetzt war es nicht anders. Mutter trat auf die alte Frau zu und sagte: Was sagen Sie, meine Tochter hat ihren Hund umgebracht? Die alte Frau sah sie an.
Nickte. Ja, krächzte sie dann und hob ihren Zeigefinger: Diese Person da, ich nehme mal an, es ist ihre Tochter, hat meinen Hund umgebracht, meinen kleinen Bossi ...
Oh nein, sagte Mutter, das ist doch nicht möglich. Wie konnte das geschehen? Der Vampir begann zu weinen.
Was soll ich sagen, es war aus. Es war aus, vorbei, perdu. Sie würden mich fertigmachen, jede auf ihre Art.
Ich sagte: es war ein alter, kranker Hund, er ist explodiert, einfach so. Still Gaby, sagte Mutter, und zum Vampir: Fahren Sie bitte fort. Goodbye Welt, dachte ich, goodbye Love, ich habe dich geliebt, und begann mit dem großen weißen imaginären Taschentuch zum Abschied des großen, tränenreichen Melodramas zu winken. Im Augenwinkel bemerkte ich, wie Mutter der eindrucksvollen Erzählung eines siebenhundert Jahre alten Vampirs lauschte.
Ja, meine Tochter ist sehr schwierig, sagte sie dann, ja, das kann ich mir vorstellen, jaja ...
Jetzt ist ma gut, unterbach ich sie.
Läßt du die Dame jetzt bitte mal zuende erzählen, herrschte Mutter mich an.
Nein, sagte ich, ich trat vor dem Vampir, laß es uns schnell machen, ich breitete die Arme aus: töte mich.
Mutter schüttelte den Kopf: Gaby! Hielt mich für total durchgedreht. Der alte Vampir sah mich an. Und grinste: Nö, nuschelte er: So nicht, und außerdem, wie soll denn das bitteschön gehen? Tot ist tot, noch toter geht nicht.
Was sollte denn das hier jetzt bitte werden? Ich ließ die Arme sinken. Steckte das imaginäre Taschentuch zurück in die Hosentasche. Stemmte die Hände in die Seiten.
Der alte Vampir grinste scheel. Wirst schon sehen, sagte er. Sprachs und griff sich Mutter, die zu verduzt war, um auch nur einen Quiecker von sich zu geben. Ähnlich wie ich. Dann fing sie doch an zu schreien. Was soll ich sagen, ich konnte sie verstehen. Und wie sie schrie, sie konnte laut schreien, meine Mutter. So laut, daß die schmutzigen Wolken am Nachthimmel auseinandergetrieben wurden wie eine Gruppe ungezogener Kinder.

Petra Lüschow