DISKURSREGIMEHASS SPRICHT - Zur Politik des Performativen, inszeniert im affirmativen akademischen Gestus."Als Verwerfung verstanden, stellt Zensur Diskursregime her, indem sie das Unsagbare erzeugt."
Haß spricht, Judith Butlers neues Buch ist so wie die letzten Alben von Public Enemy: wichtig, fundiert, erweiternde Schlüsse zulassend, aber es kickt einfach nicht mehr richtig. Verhält sich so wie ‚Musick ‚N Hour Mess Age' zu ‚Yo! Bum Rush The Show'. PERFORMANZ DES POLITISCHEN
Auch in ‚Haß spricht' soll es, so die Autorin, um Performanz gehen. Hier allerdings um die Performanz des Politischen; und dabei begeht sie dreierlei Felder. Als Methodik hat sie Austins Sprechakttheorie und Arendts Politikverständnis im Gepäck, allerdings ohne auf Arendt gesondert zu verweisen. Interessant ist das dennoch, daß eine, die in der Postmodernismuswolke zieht, sich auf die Strukturalisierung des Handelns durch das Sprechen bezieht. Von Denkmustern, die den Ort der sprechenden Handlung zum öffentlichen Raum, zum politischen Ort bestimmen.
Sie ist gerade nicht um eine Erweiterung des public space, des politischen Raums bemüht, sondern um das Beschreiben des als solchen deklarierten. Um diese Denkkonstruktionen und ihre Logik geht es Butler bei ‚Haß spricht'. Sie sucht nach Spuren, die darlegen, wie Pluralität eben nicht, wie bei Arendt, in der Differenz, sondern in der Hierarchie gedacht wird und demnach als Ausschlußkriterium dient. Butler sucht nachzuweisen, daß das gesprochene Wort nicht von jeder/m, an jedem Ort, zu jeder Zeit gesprochen, die gleiche Wirkungsmächtigkeit erzielen kann oder darf. Vielmehr, daß gerade durch die auf Gleichheit basierende Meinungsfreiheitsgesetze in den Vereinigten Staaten als ausschließende Herrschaftmechanismen angewendet werden. rassistische Rede als hate speechDas ist zum einen die rassistische Rede und die Frage nach der illokutionären [2] Dimension, der direkten Handlung als Sprechen. Das, was als verletzendes Sprechen verstanden werden könnte, etwa, das Bennenen des Gegenübers mit klar erniedrigenden Begriffen wie Nigger oder Bitch - wenn sie nicht selbstermächtigt innerhalb einer Bezugsgruppe behandelt werden in der sie als Bezeichnung verhandelt wurden. Oder das Aufstellen eines KuKluxKlan Kreuzes vor dem Haus einer schwarzen Familie. Könnte verständnishalber direkt als verletzendes Sprechen gewertet werden, was es aber im letzten Fall eben nicht wird, sondern nach dem Gesetz höchstens als perlokutionärer Sprechakt gilt, der potentiell Handlung folgen läßt. Ganz im Gegensatz zur Aussage einer Lesbe/eines Schwulen in der Armee, deren/dessen : 'Ich bin homosexuell' vor dem Gesetz mit der sexuellen homosexuellen Handlung gleichgesetzt wird. Wer von sich sagt, lesbisch oder schwul zu sein, übt damit schon den Akt aus und bezieht damit zwingend die Angesprochenen in diese Handlung. Die dritte Dimension ist die Frage nach der Zensur hinsichtlich der Pornographiedebatte, aber auch der Zensur von Rap Texten. Ein Buch, dessen Titels und Butlers Vorarbeit ziemlich viel erwarten ließ, politisch, sprachlich, theoretisch, das aber erst mal keinen Spaß beim Lesen macht. Was schon mal ganz schlecht ist, weil Texte, die keinen Spaß machen, entweder kanonisierte modernistisches Universalisierungs-Wahrheits-geschlossenes-absolutes-Denksystem-Werke sind, oder eben Texte die langweilig sind, weil sie die paar wenigen, vielleicht interessanten Gedanken, auf denen sie basieren, in endlose Weiten hinauszögern müssen. Bei 'Haß spricht' ist es anders, es macht deswegen keinen Spaß, weil ganz ohne Not von vornherein so getan wird, als sei das wirklich wichtig und einsichtig, daß sich der Text diesmal in jedem Satz an eine Institution anlehnen müsse. An das Gesetz oder an gesetzesähnliche Verhandlungsgrundlagen etwa.
‚Haß spricht', setzt sich also mit den Anwendungen und möglichen Verhinderungs-, Kontroll-, oder Begrenzungsversuchen auseinander, die im Rahmen dessen, was als hate speech vorkommt, auftauchen. KONSTRUKTION DES MÄNNLICHKEITSBEGRIFFS ALS BEGRIFF DES BÜRGERS
Da wo ‚Haß spricht' deutlicher, klarer wird, wie bei der Auseinandersetzung um Homosexualität in der Armee, wo Butler beginnt, die Konstruktion des Männlichkeitsbegriffs als Bürgerbegriff zu betrachten und zu bearbeiten, arbeitet sie zwar zum einen angenehm interdisziplinärer, breiter, als im Vorhergehenden. Dann aber schießt sie sich auf Konstrukte ein, die ärgerlicherweise entweder dem Husch- Husch-schnell-dem-glänzenden-Debut-was-nachschieben geschuldet sind, oder der nicht ausreichend gekennzeichneten konservierenden Freudianik. Viel zu kurz kommt die Funktion und Bedeutung der militarisierten Staatsbürgerschaft, nicht nur in der - von ihr fast ausschließlich an männlichen Homosexuellen festgemachten - Ausschlußverortung, sondern in der gesamten Maskulinisierungsmaschine, die die Erschaffung des Staatsbürgers darstellt. Daß dort -vor dem Hintergrund der verschiedenen Initiationsriten für Männer und Frauen in der Armee, und der diskursiven Herstellung von maskulinistischen Soldatenbildern, an die sich Männer und Frauen anzupassen haben, beziehungsweise nicht anpassen dürfen (keine Frauen an der Front-Phantasmen) - auch für Lesben eine Maskulinisierungs- und gleichzeitig reine Heterosexualisierungsanstrengung erwartet wird, taucht nicht auf. LEGITIMATION VON HATE SPEECH
Vor allem auch, weil sie in diesem Zusammenhang ihre Grundaussage verdeutlicht, indem sie sagt, daß staatsbürgerliches Sprechen bewirke, daß die/der, die/der das Gesetz bricht (also zum Beispiel KKK Kreuzaufsteller), also hate speech äußert, die souveräne Macht des Gesetzes innehat. Butler räumt der universitären, legitimierenden aber nicht herausfordernden Wortwahl so viel Platz und Macht ein, daß es kaum gelingt, aus dem Schreiben das zu entwickeln, was das Dargestellte erfordert. So als gehe es darum die zu überzeugen, die an eine herrschaftsfreie Gesellschaft der Gleichen unter Gleichen glauben. Sie kontextualisiert ihre Worte nicht in einem aufreibenderen, das dominante Zentrum auflösenden, dynamischeren, nicht so sehr nach legitimierender Sicherheit lechzender Sprachstil, der zumindest im Zusammenhang mit Queer studies, cultural studies, mit Rap, Schwulen und Lesben im Militär und feministischen Schriften präsent ist, und auch von Butler selbst in den vorangegangenen Büchern weitergesponnen wurde. Und so wird Haß spricht fast zu einem Buch, das ganz grundsätzlich vom Vorhandensein und der Wichtigkeit einer Realpolitik und Sachzwängen ausgeht, aber eben nicht eingebunden ist in die Sprache und die Wissensbezüge der jeweiligen aktiven Gruppierungen, sondern mehr so allgemein für sozialdemokratische AkademikerInnen geschrieben zu sein scheint. Annette Weber
Judith Butler. Haß spricht: Zur Politik des Performativen. 1998 Berlin Verlag |