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DISKURSREGIME

HASS SPRICHT - Zur Politik des Performativen, inszeniert im affirmativen akademischen Gestus.

"Als Verwerfung verstanden, stellt Zensur Diskursregime her, indem sie das Unsagbare erzeugt."

Haß spricht, Judith Butlers neues Buch ist so wie die letzten Alben von Public Enemy: wichtig, fundiert, erweiternde Schlüsse zulassend, aber es kickt einfach nicht mehr richtig. Verhält sich so wie ‚Musick ‚N Hour Mess Age' zu ‚Yo! Bum Rush The Show'.
So wie das soziologische Erklären gegenüber dem politischen Fordern. So richtig wollte Butler vielleicht gar nicht Rockstar werden damals als Philosophiestudentin, als Linguistikinteressierte, die sich mit der Überwindung des Binären im Denken und im Zuordnen beschäftigte. Zum Star ist sie dann mit ‚Gender Trouble' doch geworden. Dieses Buch, das durch seine - eigentlich banale - Infragestellung einer präsdiskursiven Wahrheit zu verwirrtem Aufschreien führte, verweist dann wohl fast zwingend auf das Nachlegen und Erklären durch ‚Bodies that matter'. Judith Butler ist also keine Unbekannte und wer Thomas Meinekes ‚Tomboy'[1] gelesen hat weiß, daß sie nicht nur durch ihre diskursiven Erkenntniswege, sondern auch durch ihre auratische Erscheinung bekannt, zum Star geworden ist. Wo sie bislang vor allem an der Infragestellung des essentialistischen Binarismus der Geschlechterordnung oder auch, des Geschlechts als feststehender Kategorie insgesamt, entlang gedacht hatte, ist 'Haß spricht' weit weg von jeglicher Performanz als Lösung. Das Mißverständnis der Butlerschen Druckwerke hatte sich bislang meist an der Performanz festgemacht ein, von ihr eingeführter Begriff, der weniger das tägliche Rollenwechseln nach persönlichem Gusto ausdrückt, sondern vielmehr die Auflösung, tatsächlich Erweiterung der Dichotomie Mann/Frau markiert.

PERFORMANZ DES POLITISCHEN

Auch in ‚Haß spricht' soll es, so die Autorin, um Performanz gehen. Hier allerdings um die Performanz des Politischen; und dabei begeht sie dreierlei Felder. Als Methodik hat sie Austins Sprechakttheorie und Arendts Politikverständnis im Gepäck, allerdings ohne auf Arendt gesondert zu verweisen. Interessant ist das dennoch, daß eine, die in der Postmodernismuswolke zieht, sich auf die Strukturalisierung des Handelns durch das Sprechen bezieht. Von Denkmustern, die den Ort der sprechenden Handlung zum öffentlichen Raum, zum politischen Ort bestimmen. Sie ist gerade nicht um eine Erweiterung des public space, des politischen Raums bemüht, sondern um das Beschreiben des als solchen deklarierten.
Was sie als Performanz des Politischen deklariert, ist eben nicht Polis plus Küchenkabinett, sondern die Überwindung der Logik der bestehenden Herrschaftsverhältnisse. Kurz gefaßt ließe sich das mit ihrer Feststellung sagen, daß der kritische Rassentheoretiker eben ein Widerspruch sei, weil seine Kritik in einer Logik funktioniert, die an sich schon eine Herrschaftskonstruktion ist. Oder, mit Hannah Arendt: wer versucht, sich in der Logik des Antisemitismus kritisch gegen Antisemitismus zu wenden, verliert, ist vielmehr selbst AntisemitIn, da innerhalb dieser Logik kein anderes Denken möglich ist, als das antisemitische, oder, zurück zu Butler, kein anderes Denken als das rassistische.

Um diese Denkkonstruktionen und ihre Logik geht es Butler bei ‚Haß spricht'. Sie sucht nach Spuren, die darlegen, wie Pluralität eben nicht, wie bei Arendt, in der Differenz, sondern in der Hierarchie gedacht wird und demnach als Ausschlußkriterium dient. Butler sucht nachzuweisen, daß das gesprochene Wort nicht von jeder/m, an jedem Ort, zu jeder Zeit gesprochen, die gleiche Wirkungsmächtigkeit erzielen kann oder darf. Vielmehr, daß gerade durch die auf Gleichheit basierende Meinungsfreiheitsgesetze in den Vereinigten Staaten als ausschließende Herrschaftmechanismen angewendet werden.

rassistische Rede als hate speech

Das ist zum einen die rassistische Rede und die Frage nach der illokutionären [2] Dimension, der direkten Handlung als Sprechen. Das, was als verletzendes Sprechen verstanden werden könnte, etwa, das Bennenen des Gegenübers mit klar erniedrigenden Begriffen wie Nigger oder Bitch - wenn sie nicht selbstermächtigt innerhalb einer Bezugsgruppe behandelt werden in der sie als Bezeichnung verhandelt wurden. Oder das Aufstellen eines KuKluxKlan Kreuzes vor dem Haus einer schwarzen Familie. Könnte verständnishalber direkt als verletzendes Sprechen gewertet werden, was es aber im letzten Fall eben nicht wird, sondern nach dem Gesetz höchstens als perlokutionärer Sprechakt gilt, der potentiell Handlung folgen läßt. Ganz im Gegensatz zur Aussage einer Lesbe/eines Schwulen in der Armee, deren/dessen : 'Ich bin homosexuell' vor dem Gesetz mit der sexuellen homosexuellen Handlung gleichgesetzt wird. Wer von sich sagt, lesbisch oder schwul zu sein, übt damit schon den Akt aus und bezieht damit zwingend die Angesprochenen in diese Handlung. Die dritte Dimension ist die Frage nach der Zensur hinsichtlich der Pornographiedebatte, aber auch der Zensur von Rap Texten.

Ein Buch, dessen Titels und Butlers Vorarbeit ziemlich viel erwarten ließ, politisch, sprachlich, theoretisch, das aber erst mal keinen Spaß beim Lesen macht. Was schon mal ganz schlecht ist, weil Texte, die keinen Spaß machen, entweder kanonisierte modernistisches Universalisierungs-Wahrheits-geschlossenes-absolutes-Denksystem-Werke sind, oder eben Texte die langweilig sind, weil sie die paar wenigen, vielleicht interessanten Gedanken, auf denen sie basieren, in endlose Weiten hinauszögern müssen. Bei 'Haß spricht' ist es anders, es macht deswegen keinen Spaß, weil ganz ohne Not von vornherein so getan wird, als sei das wirklich wichtig und einsichtig, daß sich der Text diesmal in jedem Satz an eine Institution anlehnen müsse. An das Gesetz oder an gesetzesähnliche Verhandlungsgrundlagen etwa.

‚Haß spricht', setzt sich also mit den Anwendungen und möglichen Verhinderungs-, Kontroll-, oder Begrenzungsversuchen auseinander, die im Rahmen dessen, was als hate speech vorkommt, auftauchen.
Wo es Butler um das Performative von gender und race geht, um die Ambivalenz der Konstruktion der Dominanzanwendung race und gender durch die "Zitation des zirkulierenden Wissens" und der Anwendung dieses Wissens, tut sie das so, wie es einem interdisziplinären Jura-LinguistInnen-Seminar an einer x-beliebigen Uni gerecht werden würde, aber eben nicht dem, was es bespricht. Es ist verdammt mühsam, bei Butler über Rap-Text-Zensur zu lesen, weil sie keinen Flow hat, sich nicht bezieht, sich nicht in einen Diskurs einbindet, sondern langweilig Gelesenen als Beispiel heranzieht. So nennt sie ultra Sexisten Rapper wie die 2 Live Crew in einem Rutsch mit den ‚Let's talk about Sex'-Aufklärer-Rapperinnen von Salt'n Peppa oder ignoriert die Diskussion um das Verbot der Inszenierung von Sexualität durch/von Schwarzen Frauen.

KONSTRUKTION DES MÄNNLICHKEITSBEGRIFFS ALS BEGRIFF DES BÜRGERS

Da wo ‚Haß spricht' deutlicher, klarer wird, wie bei der Auseinandersetzung um Homosexualität in der Armee, wo Butler beginnt, die Konstruktion des Männlichkeitsbegriffs als Bürgerbegriff zu betrachten und zu bearbeiten, arbeitet sie zwar zum einen angenehm interdisziplinärer, breiter, als im Vorhergehenden. Dann aber schießt sie sich auf Konstrukte ein, die ärgerlicherweise entweder dem Husch- Husch-schnell-dem-glänzenden-Debut-was-nachschieben geschuldet sind, oder der nicht ausreichend gekennzeichneten konservierenden Freudianik. Viel zu kurz kommt die Funktion und Bedeutung der militarisierten Staatsbürgerschaft, nicht nur in der - von ihr fast ausschließlich an männlichen Homosexuellen festgemachten - Ausschlußverortung, sondern in der gesamten Maskulinisierungsmaschine, die die Erschaffung des Staatsbürgers darstellt. Daß dort -vor dem Hintergrund der verschiedenen Initiationsriten für Männer und Frauen in der Armee, und der diskursiven Herstellung von maskulinistischen Soldatenbildern, an die sich Männer und Frauen anzupassen haben, beziehungsweise nicht anpassen dürfen (keine Frauen an der Front-Phantasmen) - auch für Lesben eine Maskulinisierungs- und gleichzeitig reine Heterosexualisierungsanstrengung erwartet wird, taucht nicht auf.
Für Butler existiert die Armee neben dem Staat, neben der Zivilgesellschaft, und nicht als Korrelat mit genau der gleichen Logik. Statt dessen nimmt Butler an, daß es in der Armee vor allem um die Reinheit und Entsexualisierung der heterosexuellen Frau gehe. Genau das ist aber im Rahmen der Armee, der Staatsbürgerproduktion, nur bedingt der Fall. Die gemeinschaftliche Sublimierungstransformation eines ekstatischen Kicks, der durch das potentiell feindliche Außen (Familie, Freundin, Prostituierte) kommt, sprich durch Sex außerhalb des Armee Körpers, muß transformiert werden auf einen kollektiven, ekstatischen, reproduzierbaren Kick, der von innen kommt und auch innen (Armee, Staat...) kontrolliert wird. Zum Beispiel das gemeinsame Ab/und Anfeuern von Waffen. Hier sind, gar nicht soo verwunderlicherweise, Lesben ihren männlichen Soldatenkollegen lieber als Heteras, weil letztere in der Wir-Konstruktion des militärischen ‚Ichs' weiterhin die Außenwelt reproduzieren, und damit als potentiell feindlich beschrieben werden. Wichtig bei Butler dann wieder, wenn sie aufzeigt, wie Homosexualität Homo-Sozietät - die unhinterfragt in der Armee existiert - in Frage stellt und deswegen Schwule in der Armee zwar in ihrem männlichen Bezugsystem, nicht aber in ihrem Begehren, als ideale Soldaten konstruiert werden könnten. Durch ihr Begehren aber genau diese nicht entsexualisierte,- aber nach außen gerichtete Sexualisierung von Soldaten-Images durchbrechen.
Dabei wird Butlers Beschäftigung mit dem Staatsbürgerbegriff wichtig, wie er in seiner konstituierenden, ausschließenden Wir-Gruppen Herstellung, seiner Definitionsmacht und seinen Legitimierungskonzepten funktioniert.

LEGITIMATION VON HATE SPEECH

Vor allem auch, weil sie in diesem Zusammenhang ihre Grundaussage verdeutlicht, indem sie sagt, daß staatsbürgerliches Sprechen bewirke, daß die/der, die/der das Gesetz bricht (also zum Beispiel KKK Kreuzaufsteller), also hate speech äußert, die souveräne Macht des Gesetzes innehat.
Bürger, also der mit dem Recht auf Gesetz, ist eben erst mal (nach Plato, Hobbes und Rousseau) der weiße, sprechende Mann. Als Inhaber der Vernunft, Beschützer und Verteidiger, wird an ihm gemessen alles andere:‚das Andere' und damit exotisierbar, naturalisierbar oder beschützbar, aber sicherlich nicht in der Position Recht und Gesetz für sich/von sich zu besitzen. "Die sprachliche Äußerung hat damit gerade deswegen die Macht, die Unterwerfung, die sie beschreibt oder betreibt, auch durchzuführen, weil sie im öffentlichen Raum frei operieren kann, ohne durch den Staat gehindert zu werden." Diejenigen, auf die hate speech angewendet wird, werden a priori vom Staat, resp. dessen Gesetz als 'das Andere' gedacht und sind von vornherein zu verdächtigen, eventuell dem eigentlichen Bürger, sein Recht auf freie Meinungsäußerung abzusprechen. Dadurch werden dann eben nicht die KKK Kreuzaufsteller, sondern die, die Ziel dieses Aktes sind, die überhaupt einen Anlaß zum Kreuz aufstellen bieten, zum Störfaktor.
Butler geht darauf vor allem in der Pornographiedebatte ein, wo deutlich wird, daß es nahezu unvorstellbar ist, sich in einer linken Positionierung auf eine legalistische Lösung zu verlassen, da anzunehmen ist, daß diese sich aus dem dominanten Diskurs speist und so die Anzugreifenden zu Angegriffenen macht, oder auch: die Angegriffenen zu Angreifern dekliniert.

Butler räumt der universitären, legitimierenden aber nicht herausfordernden Wortwahl so viel Platz und Macht ein, daß es kaum gelingt, aus dem Schreiben das zu entwickeln, was das Dargestellte erfordert. So als gehe es darum die zu überzeugen, die an eine herrschaftsfreie Gesellschaft der Gleichen unter Gleichen glauben. Sie kontextualisiert ihre Worte nicht in einem aufreibenderen, das dominante Zentrum auflösenden, dynamischeren, nicht so sehr nach legitimierender Sicherheit lechzender Sprachstil, der zumindest im Zusammenhang mit Queer studies, cultural studies, mit Rap, Schwulen und Lesben im Militär und feministischen Schriften präsent ist, und auch von Butler selbst in den vorangegangenen Büchern weitergesponnen wurde. Und so wird Haß spricht fast zu einem Buch, das ganz grundsätzlich vom Vorhandensein und der Wichtigkeit einer Realpolitik und Sachzwängen ausgeht, aber eben nicht eingebunden ist in die Sprache und die Wissensbezüge der jeweiligen aktiven Gruppierungen, sondern mehr so allgemein für sozialdemokratische AkademikerInnen geschrieben zu sein scheint.

Annette Weber

Judith Butler. Haß spricht: Zur Politik des Performativen. 1998 Berlin Verlag
[1] Meinecke, Thomas. Tomboy. Suhrkamp; FfM. 1998.
[2] a) Illokutionär und b) perlokutionär werden hier nach Austin unterschieden als Sprechakte die a) das tun, was sie sagen, indem sie es sagen, und zwar im gleichen Augenblick. Oder b) Sprechakte, die bestimmte Effekte, bzw. Wirkungen als Folgeerscheinungen hervorrufen: Daraus, daß sie etwas sagen, folgt ein bestimmter Effekt. Butler. 1998: 11