Vorsprung durch Technikoder warum Sadie Plants postfeministischer Social-Fiction "Nullen und Einsen" trotz des hübschen Covers schwer zu ertragen istWeben war bereits Multimedia: wenn Spinnerinnen, Weberinnen und Näherinnen bei ihrer Arbeit sangen, summten, Geschichten erzählten und Spiele spielten, so waren sie tatsächlich auch Netzwerkerinnen. (Sadie Plant) Für solche Sätze wünscht man sich eine sofortige Entschädigung. Die enthält Sadie Plant - selbsternannte Queen of Cyberfeminism - ihren LeserInnen jedoch vor. Statt subversiv-zynischem Postfeminismus bietet "Nullen und Einsen" allenfalls Techno-Konservatismus. Ada Lovelace spielt wieder mal den Heldinnenpart. Die Tocher der Gräfin Lovelace und Lord Byrons, die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts eine computerartige Maschine miterfand, tritt als kindliches Genie und Hysterikerin zugleich auf. Als solche trifft sie auf Anna Freud, bei deren Anblick S. gesagt haben soll, daß Frauen doch eine technische Erfindung zuzuschreiben ist, nämlich das Weben. Aber das sind nur Details am Rande. Denn im Grunde geht es um Fortschritt durch Technik. Um das Ende des Patriarchats, denn die digitale Revolution zwangsfeminisiert Männliches und Weibliches und läßt von den gendered subjects nichts übrig. Worauf Frauen als Nichtidentische ausgiebig vorbereitet worden sind. Dazwischen hat Sadie Plant gepackt, was Festplatte und Bücherregal hergaben. Die Geschichte der Mathematik, Technikgeschichte von der Differenz- über die Touringmaschine zur globalen Vernetzung, einen historischen Überblick über die Entwicklung der Erwerbsarbeit von Frauen. Und abschnittsweise Fiction: Kathy Acker, Virginia Woolf, Monique Wittig, William Gibson. Manchmal ziehen sich diese Bruchstücke an, meistens aber stoßen sie sich ab. "Drum-and-bass prose" hat das ein britischer Kritiker genannt, aber das paßt nur, wenn er dabei an wirklich schlechte Musik gedacht hat. Uninspiriert und beliebig hat Sadie Plant die größtmögliche Masse von Details und Anekdoten zusammengeworfen. Auf einer Spur huldigt sie der Geschlechterdiffernz: seitenlang nervt sie mit verhaltenstheoretischen Erklärungen über die Macht der Pfauenhenne bei der Züchtung der Federn, die das Männchen hinter sich herschleifen muß. Und darüber legt sie ihr Bekenntnis zum Genderkiller "Technologie", der Frauen sexuelle und ökonomische Freiheit verspricht. Meist nervt dieses beschleunigte Name- und Fact-Dropping, kein Platz für Gedanken. Sehr selten hat Sadie Plants Beliebigkeit etwas Charmantes, nämlich dann, wenn sie mit der gebotenen Seriösität spacigste wissenschaftliche Erkenntnisse präsentiert. "Pläne und Festlegungen sind nicht nur ökonomisch und sozial kontraproduktiv geworden", schreibt sie unter Berufung auf den "Economist": "Wie sich herausgestellt hat, kann zu viel Aufmerksamkeit für etwas Bestimmtes das Gehirn schädigen. 1996 enthüllte ein Bericht, daß Männer dazu tendieren, 'Teile ihres Gehirns zu überfordern und damit einen großen Teil der betroffenen Gehirnzellen töten. Frauen dagegen scheinen an mehr Dinge zu denken und allen Teilen ihres Gehirns Zeit zur Ruhe zu lassen" (S. 176). Vielleicht hat es Spaß gemacht, das Buch nach diesem Rezept zu schreiben, lesbar ist es nicht. Schwer zu erklären, wie aus so viel interessantem Material trotz Sampling und Mixen etwas so Starres werden kann, daß es fast keine Momente gibt, wo Spannung entsteht oder auch nur ein geruhsames Floaten. Vermuten läßt sich allenfalls, daß sich Plant bei ihrem Versuch, im akademischen Kontext an Vieles gleichzeitig zu denken, vom Namen-, Daten- und Faktenterror Legitimität verspricht. Schade. Als Gegengift gegen "Nullen und Einsen" hilft nur Donna Harraways "Cyberfeminist Manifesto" - ein Mittel, mit dem bereits mehrere (Cyber-)feministinnen ihre Post-Plant-Depressionen verjagt haben. agent 1 Sadie Plant: Nullen und Einsen. Digitale Frauen und die Kultur der neuen Technologien. Berlin Verlag, 39,80 "Old Boys Network" ist eine cyberfeministische Plattform im Netz (www.obn.org), hier finden sich spannendere cyberfeministische Materialien bzw. Debatten, Kontakte, Links etc. Über "obn" kann auch der Reader der "Ersten Cyberfeministischen Internationale" bestellt werden, die 1996 im Hybrid Workspace bei der documenta in Kassel tagte. |