| beute IV | Queer | Paradies | CallCenterBlau | Lips... | Lydia Lunch | Flüchtlinge | Pam Grier | Nullen | Sans Papiers | Surrealistinnen | Diskursregime |Ungarn |Ice Pool |Latifah|
| home | inhalt | impressum | abo | links | mail |


queer Topologien
(k)ein Geschlecht oder viele & queer belongings

Sicherlich sind Butch und Femme nicht per se revolutionäre Subjekte im Kampf gegen die rigide zweigeschlechtliche Ordnung. Natürlich läßt sich die gegenwärtige Entwicklung so analysieren, "daß das Butch/Femme-Modell der 90er - im Rahmen von Queer Theorie und Politik - gängige Bedeutungen von 'Männlichkeit' und deren Wirkungsmacht im subkulturellen Milieu rehabilitiert bzw. stabilisiert" (Christiane Quadflieg: "Butch und Femme. 'Männchen machen' auf Lesbenart?" in der letzten Ausgabe der BLAU). Keine Revolution in Sicht. Ohne Trompeten und Fanfaren ereignet sich nichts. Nicht bei einer solchen analytischen Haltung. Die die Zweigeschlechterordnung als flächendeckend gültig begreift. Dann ist es eigentlich fast egal, ob sie unter die Vorzeichen der Kontingenz gesetzt wird oder nicht. Wo nur zwei Geschlechter denkbar sind, läßt sich jede Abweichung auf sie zurückführen und in sie einordnen. Die Geschlechterdifferenz wirkt als schwarzes Loch, das alles einfängt, was über sie hinausgehen könnte. Entsprechend dem binären Raster Mann / Frau werden auf den ersten Blick immer wieder Individuen abgelehnt. Doch für sie werden unterschiedliche Typen der Abweichung geschaffen. Auf den zweiten oder dritten Blick sind sie dann durchaus tolerierbar: "die binäre Beziehung entsteht [in diesem Fall, U.K.] zwischen dem 'Nein' der ersten Kategorie und einem 'Ja' der folgenden Kategorie ..."' [1] Die Geschlechterdifferenz ist die Instanz, auf die hin sich die Kategorien der Abweichungen ordnen.
Passiert wirklich nichts oder ist es nicht vielmehr eine solche Haltung, die nichts mehr zuläßt? Sehnsucht oder Trotz bringen mich dazu zu insistieren: Es muß Möglichkeiten geben, dem Einflußbereich der Geschlechterdifferenz zumindest ein Stück weit zu entkommen. Besteht die Kunst nicht eher darin, solche Ereignisse aufzuspüren, die widerspenstig auf die Struktur der Zweigeschlechterordnung treffen? Diese Kunst setzt die Bereitschaft voraus, sich verwirren zu lassen. Ereignisse, Mikrotransformationen der Kräfteverhältnisse, bleiben virtuell, wenn sie nicht realisiert werden. Ohne Sinn für die Möglichkeit einer Veränderung bewegt sich die Wirklichkeit der Geschlechterordnung derzeit nicht.

Herculine Barbin, genannt Alexina B." ist die autobiographische Erzählung eines sogenannten (Pseudo-)Hermaphroditen aus dem 19.Jahrhundert. Sie wuchs in einem christlichen Mädchenpensionat auf und lebte später als Lehrerin unter Frauen als dem weiblichen Geschlecht zugehörig, bis eines Tages ein Arzt entdeckte, daß ihre Anatomie "anormal" war. In der Folge wurde sein "wahres" Geschlecht als männlich identifiziert. Michel Foucault hat die Autobiographie herausgegeben und zu Alexina folgendes vermerkt: "Was sie in ihrer Vergangenheit beschwört, ist der glückliche Limbus [Vorhölle, Vergessenheit, Schwebe (-zustand), U.K.] einer Nicht-Identität, den paradoxerweise das Leben in jenen abgeschlossenen, engen und warmen Gesellschaften beschützte, in denen man das seltsame, verbindliche und zugleich verbotene Glück hat, nur ein einziges Geschlecht zu kennen; und darum können dessen Abstufungen, Maserungen, Halbschatten und schillernden Farbtöne als eigentliche Natur ihrer Natur angenommen werden."' [2] Binäre Gegensätze existieren in diesem monosexuellen Raum nicht, und daher auch nicht die Gegenüberstellung von normalem und anormalem Geschlecht. Man kann sich darum streiten, ob Foucault diesen Limbus der Nicht-Identität romantisch verklärt oder nicht '[3] . Aber unabhängig von der Bewertung ist die Autobiographie ein Zeugnis dafür, daß zumindest streckenweise Existenz ohne Geschlechtsidentität Realität sein kann.
Die Möglichkeit der Identitätslosigkeit einzuräumen, das ist konstitutiv für lokale und gemeinsame heterogene Gefüge, in denen das Geschlecht keine Rolle mehr spielt. Gefüge, für die nicht die Ausdehnung bestimmend ist (obwohl sie sich mit den räumlichen Gegebenheiten und den produktiven Aspekten einer Institution decken können), sondern die Art und Weise der Verbindung (Konnexionsmodus), die die in ihnen versammelten Elemente miteinander funktionieren läßt. Solche Gefüge gleichen einem surrealistischem Ensemble, da verschiedenste Elemente auf neue Weise Nachbarschaftsverhältnisse eingehen können, die im hegemonialen gesellschaftlichen Raum weit auseinanderliegen, sich gegenseitig ausschließen oder die schlicht unmöglich sind. Sie sensibilisieren den Wahrnehmungsfilter auf besondere Art und Weise, so daß dieser bestimmte Ereignisse anzieht, gegen andere hingegen sich verschließt.
Ein solches Ereignis kann ein plötzlicher Affekt sein, eine Berührung durch eine Geste oder eine Äußerung, die ihre gewohnte Fassung verlieren. So etwa könnte eine Affektion durch eine Handbewegung ausgelöst worden sein, die ganz weiblich wirkt, während die Person ansonsten männlich auftritt. Die Affektion wird gemäß unserer tiefsitzenden kulturellen Gewohnheit noch im ersten Augenblick in die Binarität weiblich-männlich eingebunden. Dennoch kann sie bereits der Anfang einer Auflösung des Geschlechts der Person sein, wenn über der Irritation der weiterforschende Blick im Dekodierungsbestreben sich verliert, die Person unter diesem Blick 'zerfällt', der weiche Zug um den Mund, die tiefe Stimme, die schmalen Hände usw. unabhängig vom Ganzen des Körpers werden, seine Grenzen überborden. Die einzelnen Bilder der Hände, des Mundes etc. lassen sich in der Regel wieder zu einem sinnvollen Ganzen anordnen: Mann oder Frau, eine Entscheidung, die auch durch den Ort der Begegnung nahegelegt wird. Naheliegend, aber auf die Dauer langweilig. Man kann hingegen den Versuch machen, das Ereignis nicht in einer solchen Struktur stillzustellen, die Entscheidung über das Geschlecht der Person zu suspendieren. Die Irritation, die von der Handbewegung ausging, wird in jedem Fall durch eine Strukturierungsleistung aufgehoben, aber in welcher Art? Eventuell verbindet sich die Handbewegung in der Erinnerung mit einem 'fremden' Milieu, worin sie in völlig neuem Licht erscheint. Sofern diese Verbindung gut funktioniert, erweitert sie das Sensorium, die "Karte der Affekte" '[4] . Auch in diesem Fall nutzt sich die Irritationskraft des Ereignisses mit der Dauer der erinnernden Wiederholung ab, doch seine Kraft wird nicht negiert, sondern in weiterführende Intensitätsreihen verwandelt.

Queer belongings

Im Zeichen von 'queer' läßt sich in Berlin eine Öffnung der homosexuellen Szenen für andere Menschen, die von der sexuellen und geschlechtlichen Norm abweichen, beobachten. Trotz dieser Öffnung und der relativ breiten Rezeption von Analysen, die zeigen, daß die Unterscheidung von Männern und Frauen ein Produkt komplexer sozialer Praktiken ist, wird weitgehend auch unter der Bezeichnung 'queer' an der Definition der Homosexualität als sexuelle Anziehung durch Angehörige des gleichen Geschlechts bzw. sexuelle Beziehungen unter Gleichgeschlechtlichen festgehalten. Diese Definition reproduziert aber die herrschende Praxis geschlechtlicher Identifizierung gemäß der modernen Ordnung der Zweigeschlechtlichkeit.
Gleichzeitig beteiligt sich gerade die queer theory stark an den kritischen Diskussionen um die Kontingenz von Geschlechterdifferenz und Identität. Aus der amerikanischen queer Bewegung und queer theory kommend hat Elspeth Probyn Konsequenzen aus der Identitäts-Kritik gezogen und die gemeinsame Basis von queer politics unter dem Begriff queer belongings '[5] neu gefasst. Sie unternimmt damit einen Versuch, eine (politische) Haltung abseits von geschlechtlicher und sexueller Identität zu umreißen - während die meisten Kritiken wie gebannt ihrem Gegenstand, dem Problem der Identität, selbst noch in konstruktiven Überlegungen verhaftet bleiben.Der weiten englisch-amerikanischen Bedeutung von queer belongings am nächsten kommt die Übersetzung mit 'sonderbare Zugehörigkeiten'. Direkt übersetzt bedeutet belonging 'Gepäck' und 'Zugehörigkeit'. Wichtig ist die Konnotation des 'longing', des 'Sehnens nach'. Der Begriff situiert sich somit im Spannungsfeld einer Transformationsbewegung, die von etwas weg und auf etwas anderes zustrebt.
Während Identität klassischerweise über Abgrenzung, Homogenisierung entlang von normierten Leitbildern, Konstruktion eindeutiger Gefühle und einer gemeinsamen Geschichte funktioniert, ein Erfahrungsfeld (oder mehrere) auf diese Weise angeeignet und verteidigt wird, handelt es sich bei den Zugehörigkeiten um eine veränderbare Auswahl von heterogenen Positionen in unterschiedlichen Feldern, um mobile, 'vage' Verbindungen mit verschiedenen Milieus. Statt sich z.B. im Diskurs rund um die Homosexualität mit einer der im Angebot befindlichen Subjektpositionen unauflöslich zu verbinden, sich mit ihr zu identifizieren und die entsprechenden Aussagen ("ich bin schon in der Wiege lesbisch gewesen") zu reproduzieren, hieße queer belongings, die Subjektpositionen zu durchqueren und im Gebrauch zu transformieren. Dabei geht es keineswegs um Patchworkidentität, insofern diese mit postmodernem anything goes assoziiert ist, denn es kommt auf die Art und Weise der Auswahl der Felder der Zugehörigkeit, den Selektions- bzw. Konnexionsmodus an. Was wird aufgenommen in dieses Gefüge, und wie wird es mit den anderen Elementen verkettet? Wird die Auswahl nach einem "Prinzipien- und Finalitätenplan" getroffen, so Deleuze und Guattari in "Tausend Plateaus", dann findet eine Übercodierung des Gefüges statt, die Totalisierungen, Homogenisierungen und "Konjunktionen der Abschließung" (entweder Mann oder Frau, hetero- oder homosexuell...) bewirkt. Die produktive Bewegung des Begehrens wird blockiert. Oder es handelt sich um eine Auswahl, die Verbindungen vervielfacht und wuchern läßt. "Nur was die Zahl der Konnexionen auf jeder Ebene der Teilung oder Zusammensetzung vermehrt, bleibt bestehen, wird zurückgehalten und aufbewahrt, also geschaffen, und all das in einer ebenso zu- wie abnehmenden Ordnung (was sich nicht teilen läßt, ohne sich zu verändern, was sich nicht zusammensetzen läßt, ohne den Vergleichsmaßstab zu wechseln...)." '[6] Ein solches Begehren führt das Individuum in ein 'Werden', indem es neue Teilungen und Verbindungen in das Gefüge seiner Zugehörigkeiten einführt, die eine Transformation der gesamten Anordnung nach sich ziehen.
Die gemeinsame Basis von queer soll nach Probyn nicht über sexuelle Identifikation hergestellt werden, sondern über 'sonderbare Zugehörigkeiten'. Mit Probyn läßt sich der Übergang von einem individuellen zu einem gemeinsamen Gefüge von Zugehörigkeiten, also der Konnexionsmodus, neu fassen: Die Bewegung des Übergangs entsteht aus der Ähnlichkeit eines Begehrens, das sich nach Veränderung sehnt - nicht eine Selbstvergewisserung im Anderen oder im Anders-Sein sucht, sondern ein Anders-Werden anstrebt. Anstatt das Gegenüber im Zuge der Prüfung als taugliches Begehrensobjekt geschlechtlich zu identifizieren, richtet sich die Bewegung eines Begehrens, das in Probyns Sinne queer genannt werden kann, auf die Potentiale, die virtuellen Kräfte im Anderen und in einem Selbst '[7] . Mir scheint es kein Ausweg aus dem Identitätsproblem zu sein, das Spiel der Identität "bewußt" zu spielen mit dem Anspruch, daß die Identitätskategorien ständig kritisch hinterfragt werden müssen. Queer als kritische Praxis kann mehr als Repräsentationspolitik bedeuten. So kann ein ähnlicher Wunsch nach Veränderung der eigenen Praxis tragende Kraft nicht totalisierender Gemeinsamkeit sein: basteln an einem gemeinsamen Gefüge, das die Zugehörigkeiten in Bewegung hält.

Ulrike Klöppel

[1] Deleuze, Gilles & Guattari, Félix: "Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie", Berlin 1992, S.244 (vgl. auch S. 246)

[2] Barbin, Herculine - Foucault, Michel: "Über Hermaphrodismus. Der Fall Barbin", Hg. Schäffner, Wolfgang & Vogl, Joseph, Frankfurt/Main 1998, S.14

[3] Butler, Judith: "Das Unbehagen der Geschlechter", Frankfurt/Main 1991, S.146-150 und Schäffner, Wolfgang & Vogl, Joseph: "Nachwort" in "Über Hermaphrodismus. Der Fall Barbin", Hg. Schäffner, Wolfgang & Vogl, Joseph, Frankfurt/Main 1998, F 68, S.245

[4] Deleuze, Gilles: "Spinoza und wir" in "Spinoza. Praktische Philosophie", Berlin 1988

[5] Probyn, Elspeth: "Queer Belongings. The politics of departure" in "Sexy Bodies. The strange carnalities of feminism", Hg. Elizabeth Grosz & Elspeth Probyn, London & New York 1995

[6]Deleuze, Gilles & Guattari, Félix 1992 (a.a.O.), S.703 (vgl. auch S.709f.)

[7]ebd., S. 260, S.1