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"...ich habe keine Identität, wenn ich nicht einen Ort habe, wo ich sie leben kann."- Lesbisches Leben zwischen Budapest und Berlin

Portrait der ungarischen Musikerin und Schriftstellerin Szini aus Budapest

Berlin, 7.6.1998

Wir lernten uns durch die Musik kennen. Szini kam als Gast-Bassistin zu unserer Frauenband. Sie ist Ungarin, kommt aus Budapest, und hat lange Zeit bei "Kampez Dolores" gespielt. "Wir waren die erste Underground-Band in Ungarn und unsere Konzerte waren immer voll", erklärt sie.

Es ging nicht nur um Musik. Es ging um ein anderes Lebensgefühl als das im Sozialismus erlaubte. "Kampez Dolores" spielten eine Mischung aus Blues, Funk, Rock, Jazz, Klassik und ungarischer Folklore. Hemmungslos nahm die Band Anleihen bei fast allen Stilrichtungen der modernen Musik. Sie wurden zu einer Basis verwoben, die von der feinen hohen Stimme der Sängerin Gabi Henderesi übertönt wird. Das Stück mit dem Titel "Ein Fuchs flog hier vorbei" zum Beispiel, beginnt wie ein gregorianischer Gesang. Ganz allmählich entwickelt sich ein erdiger Groove, getragen von Szinis Baßspiel, umspielt von Saxophon und Gitarre, bis schließlich das Schlagzeug einstimmt. Szini spielt den Baß als wäre er eine Gitarre. Melodieverliebte Single-Notes und Flasholette-Töne wechseln sich ab mit Rhythmusakkorden, wie sie eigentlich der Rhythmus-Gitarre zustünden. Auf dem Baß klingen sie kräftiger. Nur den Groove zu liefern, scheint ihr zu wenig. Eine ungewohnte Art zu spielen, hierzulande.

Mit beeindruckender Ruhe blickt Szini in die Welt. Sie läßt sich nicht hetzen. Ihr ausladender Körper braucht Platz und Zeit, um sich zu bewegen. Sie raucht praktisch immer, sinniert in kurzen, trockenen, oft komischen Formeln über das Leben, ein Leben das sie ernst zu nehmen scheint und dann doch wieder nicht. Es ist faszinierend, ihr zuzuhören. Ihre Lust daran, das Leben zu analysieren, führt zu intensiven Gesprächen. Oft sind es Vergleiche zwischen ihrem Leben hier und dem in Budapest.

Sie ist Lesbe und Feministin. Bei ihrem Berlin-Besuch hat sie angefangen, einen autobiografischen Roman zu schreiben. "Budapester Stories" gibt im Stile eines Kurzgeschichten-Kaleidoskops Einblicke in ihr Leben als Lesbe und in das anderer "Dissidenten". Die Kapitel, die bereits vorliegen, sind Ausdruck ihrer Lust an der unverblümten Darstellung von Sex und des Lebens derer, die im ungarischen Sozialismus als AußenseiterInnen abgestempelt wurden.1 (siehe Fußnote)

F.: Schreibst Du den Roman ausschließlich aus persönlichen Gründen oder auch aus politischen?

Szini: Er ist politisch, weil ich glaube, ich habe dem Westen etwas zu erzählen. Ich glaube, wir wissen nicht viel über den Westen. Aber ihr hier wißt auch nicht viel über den Osten. Wenn ich das Buch in Ungarn veröffentliche, wird es eine andere Version sein, weil die Situation dort unterschiedlich ist. Da wird es mehr um Feminismus gehen, denn alle wissen, wie es im Sozialismus war. Aber hier wissen sie nur wenig über den Sozialismus.

Szini wurde am 18. Februar 1963 in Budapest geboren. Mit 18 Jahren ging sie von Zuhause weg und zog dahin, wo gerade Platz war. Und Platz im Sinne von eigenen Wohnungen gab es in Ungarn für junge Leute kaum. Drei Jahre lang lebte sie in einem winzigen Fotolabor, zusammen mit einer anderen Frau. Dann fand sie einen Platz in einer Küche, wo eine Freundin ein Hochbett eingebaut hatte, und danach teilte sie sich eine Ein-Raum-Wohnung mit einem Bekannten, dessen Außentoilette von den Nachbarn versperrt und für die eigene ausschließliche Nutzung "beschlagnahmt" wurde, so daß sie sich ein eigenes Klo in die Küche bauen mußten. Die meisten ihrer Bekannten wohnten in dieser Art von improvisiertem Wohnchaos, und viele leben auch heute noch so, weil die Mieten so hoch sind.

Nach dem Abitur lernte sie Cutterin beim Film und arbeitete zwei Jahre lang in der einzigen ungarischen Filmfabrik, jedoch ohne große Ambitionen. 1986 schmiß sie den Job hin, mußte sich aber immer wieder Alibijobs besorgen, da es in sozialistischen Zeiten nicht "erlaubt" war, arbeitslos zu sein. Das Arbeitsverhältnis mußte in den Personalausweis eingetragen werden.. Wer bei einer Polizeikontrolle ohne diesen Eintrag erwischt wurde, mußte mit auf die Wache. Mehrfach saß sie deswegen in der Arrestzelle. Einmal wurde sie festgenommen, weil sie "nachts um drei Uhr gegessen hatte". Diese Geschichte erzählt sie immer wieder. Der Hintergrund war folgender: In Budapest gab es einen Imbiß, der als Treffpunkt für "Dissidenten" galt, wenn alle Kneipen geschlossen hatten. Die Polizei führte immer wieder Ausweiskontrollen durch. Wer nach Mitternacht dort angetroffen wurde, wurde verdächtigt, keiner Arbeit nachzugehen und mußte sofort seinen Ausweis mit der Eintragung des Arbeitsplatzes vorweisen. Wer keinen hatte, wurde festgenommen. Seit 1985, als sie sich der ungarischen Underground-Kultband "Kampez Dolores" angeschlossen hatte, gehörte Szini zu diesen "Dissidenten".

Zehn Jahre lang war sie Musikerin, spielte mehrere LPs, CDs und Kassetten mit der Gruppe ein und ging auf Tournee in die "sozialistischen Bruderstaaten", wie die offizielle Sprachregelung hieß, und später auch nach Westeuropa. Die Band existiert heute noch.

In der Band wußten alle, daß sie Lesbe war. "Ich war akzeptiert", meint sie. Dennoch stieg sie 1994 aus, weil sie vom ständigen Herumreisen die Nase voll hatte und weil sie sich intensiver mit Feminismus beschäftigen wollte.

F.: Was bedeutet es, in Ungarn zu sagen, ich bin eine Lesbe?

Szini: Ein hartes Leben!

F.: Was meinst Du damit?

Szini: Es hängt immer davon ab, wem du es erzählst. Es der Familie zu erzählen, ist hart. Wenn du es Freunden erzählst, ist es vielleicht nicht so hart. Vielleicht verlierst du aber auch einige deiner Freunde. Wenn du es öffentlich erzählst, bedeutet es, daß du angegriffen wirst. Es ist einfach hart. Du bist nicht gleichberechtigt mit den Heterosexuellen.

F.: Wie sah das Leben aus, das Du dort geführt hast?

Szini: Lange Zeit war es ein heimliches Leben, obwohl es einige Leute gab, die es wußten. Es gab keinen Platz, wo ich es ausleben konnte. Es war sehr schwierig, Sex zu haben, eine Liebhaberin zu finden, sie auch zu behalten und sich mit ihr in der Öffentlichkeit zu zeigen. Es war ein Geheimnis. Für die Öffentlichkeit war ich eine "starke Frau", aber keine Lesbe.

F.: In Deutschland gibt es inzwischen viele Coming-Out-Gruppen. Wenn sie auch nicht von allen genutzt werden, so gibt es doch die prinzipielle Möglichkeit. Wie war Dein Coming-Out in Ungarn?

Szini: Ich wußte es schon als Kind. Das Problem war, es vor mir selbst zuzugeben, denn es galt als eine sehr schmutzige Sache, etwas wie eine Krankheit. Nach einiger Zeit fing ich an, nach Vorbildern zu suchen oder nach Geschichten, die von Lesben erzählten. Eine Geschichte fand ich von einer Zeitschrift. Und dann gab es da eine sehr bekannte ungarische Schauspielerin, von der es alle wußten, Hilda Gobi. 2 (siehe Fußnote) Dann stieß ich zufällig auf James Baldwin's Buch, "Giovannis Zimmer". Auf diese Weise fand ich höchstens zwei oder drei Hinweise auf die Existenz von Homosexualität, die nicht negativ waren. Das war alles, was ich fand. Als ich die erste Lesbe traf, war ich 18 oder 19 Jahre alt. Mein eigenes Coming-out brauchte noch einige Jahre.

F.: Und in dieser Zeit hattest Du niemanden, mit dem Du darüber reden konntest?

Szini.: Nein. Es gab keine Frauen. Ich habe viel gelesen, immer und überall habe ich gelesen. Aber ich konnte mit niemandem darüber reden.

F.: Du sagst, Du hattest das Gefühl, daß es schmutzig war. Wie bist Du darauf gekommen, daß es nicht erlaubt war? Gab es Schimpfworte?

Szini.: Ja. Da war das Wort "buzi", das dir jeden Tag begegnete. Sie sagten zum Beispiel "alte Schwuchtel". Es war immer etwas, das dir nachgesagt wurde, um dich zu verletzten und zu beleidigen. Manchmal redeten die Leute auch über Hilda Gobi, die Schauspielerin. Dann aber immer so, daß es schmutzig war, was sie tat, daß sie eine Lesbe war und Beziehungen mit Frauen hatte. Sie sagten, diese Leute sind "krank".

F.: Soviel ich über die Situation der Frauen in Ungarn weiß, "müssen" alle Frauen heiraten, das heißt, sie stehen unter einem ungeheuer großen moralischen Druck. Wenn sie es nicht tun, wird über sie geredet. Außerdem kann sich eine Frau alleine wegen der hohen Mieten oft gar keine Wohnung leisten. Wie geht es den Frauen, die versuchen in Ungarn alleine zu leben?

Szini: Es ist möglich heute, auch wenn es als komisch angesehen wird. Die Situation hat sich geändert. Die jungen Frauen haben mehr Selbstbewußtsein, vor allem die, die studieren, und an der Uni gibt es inzwischen auch Gender Studies, wo wenigstens über die Gerschlechtsrollen geredet wird. Und sie können ins Ausland fahren, in den Westen. Sie bekommen einen anderen Blick auf die Welt.

Es macht einen großen Unterschied, im Westen Lesbe zu sein. Sie sind nicht so versteckt. Es gibt Plätze für Frauen, wo sie hingehen können. Es ist total unterschiedlich. Wenn ich hier zu Freundinnen gehe, steht das Bücherregal voll mit Büchern über Lesben und Frauen, und wenn ich meine ungarische Literatur ansehe, dann kann ich die Bücher an einer Hand abzählen. Es ist so schwer zu erklären, weil es so ein riesiger Unterschied ist. In Ungarn kannst du nichts darüber lesen, du siehst nichts im Fernsehen, nichts im Kino.

F.: Also könnten Lesben doch versuchen, nach außen hin als Singles zu leben und selbst Geld zu verdienen.

Szini: Das tun sie aber nicht. Sie haben keine guten Jobs. Wenn sie über 30 oder 40 Jahre alt sind, verstecken sie sich: Sie sind verheiratet, haben Kinder und - sehr, sehr versteckt - nur Beziehungen mit Frauen. Ich kenne einige, die unbedingt ihr Geheimnis hüten wollen, weil sie den Skandal fürchten und gute Jobs haben. Aber ich kenne auch eine Frau, die mit 45 ihr Coming-Out sehr öffentlich hatte, sogar bei einem Interview im Fernsehen.Sie hatte Männer- und Frauenbeziehungen, und dann hat sie es nicht mehr ausgehalten. Es war sehr hart. Aber das andere vor ihrem Coming-Out war noch härter. Sie war sogar im Sanatorium. Jedenfalls hat sie so eine Szene beschrieben in ihrer Arbeit beim Mittagessen. Die anderen haben blöde Witze gerissen über Schwule, und sie hat sich eingemischt und gesagt: "Sorry, aber ich bin auch eine Lesbe. Also hört auf, so drüber zu reden." Danach redete niemand mehr ein Wort.

F.: Also braucht ihr Vorbilder. Und könnt ihr sie finden?

Szini: Ja, es wäre wichtig, sie zu haben. Aber wir haben sie nicht.

F.: In gewisser Weise wirst Du ja nun dazu beitragen, indem Du darüber schreibst in Deinem Roman. Er ist autobiografisch. Wie kam es, daß Du Dich entschieden hast, über Dein Leben zu schreiben?

Szini: Hier in Deutschland hatte ich Distanz und das Gefühl, das ich alles aufschreiben kann. Denn in Budapest hatte ich das Gefühl, ich bin in einem Gefängnis. Ich konnte keine Lesbe sein, keine Feministin. Ich konnte nie etwas sein. Und hier geht es. Ich konnte alle Gedanken aufschreiben und alles, was mit mir geschehen ist. Im Grunde hatte ich schon immer das Bedürfnis dazu. Aber ich dachte immer, das kann ich nicht erzählen."

Seit einigen Jahren engagiert sich Szini ehrenamtlich bei "NaNE!", dem 1994 gegründeten ungarischen Frauennotruf in Budapest. "NaNE!" steht für "Frauen arbeiten mit Frauen gemeinsam gegen Gewalt". Die Kurzform symbolisiert ein Wortspiel und bedeutet soviel wie "Laß das!" Zur Zeit hat sie dort eine bezahlte Stelle.

Zu ihrem FreundInnenkreis gehört die ungarische Fotografin Lenke Szilágyi, die sich international bereits einen Namen gemacht hat. Ihr steht sie oft "Modell", meistens zusammen mit ihrer Clique. Manchmal ist auch Szinis Kater "Orvoska" mit im Bild. Ein Foto, es zeigt Szini mit ihrer Katze, könnte ein Spiegel der wilden "S." aus dem Roman sein, die ihrer Beinahe-Geliebten György die Worte in den Mund legt: "Meine Wildheit zog sie an. Aber es war, als wäre sie im Zoo, als beobachtete sie mich, wie von der anderen Seite eines Gitters aus, hinter dem sie sich in Sicherheit gebracht hatte."

Szini geht in der Öffentlichkeit vorsichtig um mit ihrer lesbischen Identität. Aber 1997 beteiligte sie sich am 1. Ungarischen Christopher-Street-Day in Budapest. Zusammen mit rund 100 Lesben und Schwulen, einigen Bisexuellen und unterstützenden Heteras und Heteros, gingen sie auf die Straße. Das Titelbild der Lesbenzeitung "Labrisz" zeigte sie in der ersten Reihe. "Out" lebt aber kaum jemand in Familie und Beruf. Denn Homophobie ist weit verbreitet in der ungarischen Bevölkerung. Selbst unter den wenigen Feministinnen gibt es offene Homophobie. Im 1995 gegründeten "Háttér", der lesbisch-schwulen Hotline sind rund ein Drittel Lesben.3 (siehe Fußnote)

F.: Grob gesagt gibt es in Deutschland zwei Strömungen unter den Lesben. Die einen fühlen sich der Frauenbewegung zugehörig und arbeiten in FrauenLesben-Projekten mit, zusammen mit heterosexuellen Frauen oder mit bisexuellen. Und dann gibt es die andere Richtung, die mehr mit Schwulen zusammenarbeitet und die sagt, die Schwulen seien die "geborenen Verbündeten" der Lesben und nicht die heterosexuellen Feministinnen.

Szini: Ich finde, beide, Schwule und Feministinnen, wären gute Verbündete, und es wäre gut, wenn alle zusammen arbeiten würden.

F.: Warum willst Du mit schwulen Männern zusammenarbeiten?

Szini: In Ungarn ist es unmöglich, nur für Lesben zu arbeiten, weil es keine "Lesbenbewegung" gibt, sondern nur eine "Gay-Bewegung". Es gibt aber auch keine "Frauenbewegung" wie hier im Westen, nur einige Frauen, die es wagen, sich "Feministin" zu nennen. Denn auch das ist ein Schimpfwort.

F.: Und warum willst Du mit Feministinnen zusammenarbeiten?

Szini: Weil Sie einen anderen Blick auf die Welt haben. Und das ist auch meine Perspektive. Mehr braucht man doch hier nicht zu sagen. Hier weiß doch jede, was Feminismus ist!

F.: Nein, das stimmt nicht. Hier gibt es vor allem unter den jüngeren Lesben viele, die nichts über Feminismus wissen und auch nichts davon wissen wollen.

Szini: Das wichtigste am Feminismus für mich ist, daß jede Frau sie selbst sein kann, daß es keine Frauen gibt, die mehr sind als die anderen. Jede ist akzeptiert. So verstehe ich Feminismus.

F.: Du hast nun einige Zeit hier in Deutschland gelebt. Inwiefern hat sich dadurch Dein Weltbild geändert, wenn Du vergleichst, wie es ist, hier lesbisch zu sein oder in Ungarn?

Szini: Es geht mir da um mein Lesbischsein und auch einige andere Dinge, die ich in sozialistischen Zeiten nicht tun konnte. Damals ist das Gefühl in mir entstanden, immer "gegen" etwas kämpfen zu müssen, weil ich so oft gespürt habe, daß ich nicht "ich selbst" sein konnte, nicht die, die ich wirklich war. Ich glaube, aus dieser Zeit und von diesem Gefühl kommt, daß ich immer "dagegen" bin, gegen die Regierung zum Beispiel. Ich bin immer dagegen. Ich wollte immer einen Platz für mich haben. Ich habe aber in Ungarn nie einen Platz gefunden. Dieses "Wer bin ich?" war eine Frage, die ich mir dauernd gestellt habe und die Frage der Identität natürlich. Es war schwer.

Seitdem weiß ich, ich habe keine Identität, wenn ich nicht einen Ort habe, wo ich sie leben kann. Das ist so mit dem Lesbischsein, aber auch mit anderen Dingen.

Mein Denken hat sich nicht wirklich geändert. Aber ich habe einen Ort gefunden. Und das ist sehr schön, Leute zu haben, die ähnlich sind wie ich. Ich habe einen Ort gefunden.

F.: Das klingt so einfach?

Szini: Es ist sehr wichtig, nicht allein zu sein oder zu denken, ich müßte gegen alles kämpfen.

F.: Wie ist Dein Gefühl, jetzt nach Ungarn zurückzugehen? Wie geht es Dir damit?

Szini: Mir ging es hier sehr gut. Das ist einfach neu für mich, daß ich ich selbst sein kann, daß ich sagen kann, ich bin Lesbe, Feministin, sogar Revolutionärin, wenn ich will. Aber in Ungarn werde ich keine Feministin mehr sein und keine Lesbe. Ich werde eine Frau sein. Das ist alles. Aber was ich hier erfahren habe, hilft mir, weil ich jetzt sehe, daß es eine Möglichkeit gibt, zu sein, wer ich bin.

 

Zwei Budapester Stories von Szini

1

Mit 14 Jahren wollte ich in der dreimonatigen Pause nach der Grundschule und vor dem Gymnasium einen Monat arbeiten und zwar in einem Buchladen. Denn Lesen war meine Leidenschaft. Das erste Arbeitserlebnis! Draußen gleißendes Licht, acht Stunden am Tag in einem Laden, wo mich Bücher umgaben. Ich fand diese Idee gut und aufregend.

Zu dieser Zeit lernte ich eine junge Frau kennen, in die ich mich verliebte. Ich wartete sehnlichst darauf, daß es endlich sechs Uhr abends wurde. Denn dann tauchte ihr Gesicht im Schaufenster auf und sie wartete auf mich. Sie war zehn Jahre älter und arbeitete. Im Unterschied zu mir stand sie mitten im Leben, und doch opferte sie mir den größten Teil ihrer Freizeit. Wir hatten uns viel zu erzählen. Ich war stolz und glücklich.

Gyöngyi war sehr nett, interessiert und intelligent. Meine Wildheit zog sie an. Aber es war, als wäre sie im Zoo, als beobachtete sie mich, wie von der anderen Seite eines Gitters aus, hinter dem sie sich in Sicherheit gebracht hatte. Zumindestens kam es mir zum Schluß so vor. Es war, also ob nicht ich sie interessieren würde, sondern meine Art, die "Sorte Mensch", die ich verkörperte. Ich war das Beispiel, an dem sie etwas Bestimmtes studierte.

"Das ist trotzdem immerhin etwas", dachte ich, aber erst sehr viel später, als das zwischen uns prunkende Schaufenster schon zum Symbol unserer Beziehung geworden war. Am Anfang hatte ioch gedacht, daß es Liebe sei. Und irgendwie war es das wahrscheinlich auch.

Einmal saßen wir stundenlang auf einer Treppe am Donauufer und redeten. Da kam eine Gruppe Jungs die Treppe heruntergeschlendert. Sie wollten mit uns reden. Über die Schulter sagte ich zu ihnen "haut schon ab! Wir unterhalten uns". Auch Gyöngyi sagte etwas, und auf einmal bekam ich unerwartet eine solche Ohrfeige, daß ich die Treppe hinunterrollte, aber an den Steinen hängen blieb. Als ich aufstand, hatte ich einen großen Stein in der Hand und im Kopf den Gedanken, daß es mich nicht interessierte, falls es jetzt einen Toten geben sollte. Auch dann nicht, wenn ich es sein sollte.

Diese Jungs konnten etwas in meinem Gesicht sehen. Als ich die Treppe hochkam, schrien sie Gemeinheiten wie "verdammte Schwuchteln". Aber sie räumten das Feld, bevor ich ihnen zu nahe kommen konnte. Györgyi tat mir leid. Gerade da hatte ich das Gefühl gehabt, daß es jetzt an der Zeit wäre, sie zu küssen. Aber nun ging es natürlich nicht mehr.

Die Angst ist ein großer Herr.

Unsere Beziehung spielte sich an öffentlichen Plätzen ab. Zu mir konnten wir nicht gehen, weil mein Vater zu unerwarteten Zeiten gemeingefährliche Zustände produzierte. Meisten war das sogar der Dauerzustand. Zu ihr konnten wir nicht gehen, weil sie mir ihrer Mutter in einer winzigen Wohnung in einem Zimmer wohnte. In Kneipen ging es auch nicht, weil meine Bestellung bei den Wirten aufgrund meines Alters oft auf taube Ohren stieß. Außerdem waren wir kein gewöhnliches Liebespaar, wenn wir das überhaupt waren. Für Györgyi herrschte, was Sex anging, komplette Unsicherheit. Was sie wollte, konnten wir nicht wissen, weder sie noch ich. Ich habe lange nichts versucht. Aber trotzdem nenne ich es Liebe, was wir empfanden, von beiden Seiten aus. Denn gefühlsmäßig waren wir uns so nahe, wie ich es zuvor noch nie erlebt hatte, und wir hatten eine wunderbare Zeit zusammen, gingen sozusagen auf Wolken.

Ich konnte es kaum erwarten, daß die Arbeit zu Ende war, denn wir planten ein paar Tage zu zweit wegzufahren, und das schien mir sehr vielversprechend. Doch zuvor erwartete mich an meinem Arbeitsplatz noch eine kleine Überraschung. Sie luden mich zu einem Abschiedsabend ein, den sie nur für mich allein organisiert hatten. Das kam völlig unerwartet und ich fühlte mich geehrt. Später aber erfuhr ich, daß es dort eine Art Tradition war.

Der Geschäftsführer sagte, ich könne mir ein Buch, welches auch immer, als Geschenk aussuchen. Dann hielt er eine kürzere Rede über mich. Vor allen Angestellten des Ladens sagte er, er habe in mir einen sehr intelligenten Menschen kennengelernt. Aber er habe noch nie in seinem Leben jemanden getroffen, der so völlig ohne jede Ambitionen gewesen sei wie ich. Er riet mir, ich solle versuchen, etwas dagegen zu unternehmen. Denn sonst könne ich überhaupt nichts im Leben erreichen.

Das habe ich nie vergessen. Denn damals wurde mir zum ersten Mal klar, daß, was immer ich auch sagen will, nur diejenigen Menschen verstehen werden, die ähnliche Werte haben wie ich. Denn schon allein auf der Ebene dessen, was Menschen verurteilen, gibt es riesige Unterschiede.

Ich sah auch, daß sie mich gar nicht richtig begriffen. Sie hatten eine Vorstellung von mir, die gar nichts mir mir zu tun hatte, indem sie voraussetzten, ich wolle etwas erreichen, obwohl ich das vielleicht gar nicht wollte. Doch darüber bestand für sie kein Zweifel: "Das ist natürlich. Das muß aus irgendeinem Grund so sein." Natürlich ist es schwer, jeden Menschen für sich anzusehen, und ich merkte, dies fast nie geschieht. Wenn doch, dann ist das Liebe.

Damit war mein erstes ernsthaftes Arbeitserlebnis zu Ende.

Als ich nicht mehr arbeitete, fuhren Györgyi und ich drei Tage an den Velencer See. Da waren im Sommer Freilichtkonzerte und Zeltlager, wo meistens viele Leute zusammenkamen. Ich war schrecklich glücklich. Im Zug lachten wir pausenlos. Wir kümmerten uns um niemanden, nur um uns. Am See lernten wir einen Typen kennen, der ganz o.k. war. Mit ihm taten wir uns zusammen. Auch er war ein "Erwachsener" für mich.

Nach einer Weile spürte ich, daß ich störte. Er hatte einen Plan, in den ich nicht hineinpaßte, und ich ahnte natürlich, was das für ein Plan war. Er war Verwalter eines der Ferienhäuser dort, für das er einen Schlüssel hatte, so daß wir dort feierten, tranken und auch übernachteten. Als ich am nächsten Tag aufwachte, saß er mit György auf der Terrasse und umarmte sie. György umarmte ihn aber nicht und sah verlegen drein, als sie mich ansah. Ich erinnerte mich nicht an den vorherigen Abend, weil ich sehr betrunken gewesen war. Denn der Typ störte mich und ich hatte das Gefühl, er habe das Recht, etwas zu tun, auf das ich kein Recht hatte, und zwar nur deshalb, weil er einen Schwanz hat. Danach hatte ich keinen Spaß mehr an der Reise. Ich konnte zusehen, wie er der Frau den Hof machte, in die ich verliebt war. Außer daß ich eifersüchtig war, wußte ich nicht, was man in solchen Situationen tut, so daß ich soviel trank wie nur in mich hineinpaßte.

György versicherte mir auf der Rückfahrt im Zug, daß sie nicht in diesen Typen verliebt sei und daß zwischen ihnen nichts geschehen war. Dabei hatte ich gar nicht gefragt. Es wäre mir niemals über die Lippen gekommen, und außerdem konnte ich auch gar nicht mit ihr reden. Ich verstand nicht, warum sie mir das sagte. Dann war sie vielleicht doch in mich verliebt?

Ich fühlte mich total unfähig. Ich spürte, daß ich nie in meinem Leben die Möglichkeit haben würde, eine Frau zu lieben. Denn es mußte nur zum richtigen Zeitpunkt ein Mann auftauchen, und - obwohl zwischen uns schon alles klar sein würde - an den Sex würde dann trotzdem nur der Mann kommen, selbst wenn er gefühlsmäßig mir zustünde.

Ich glaube, wir waren beide ratlos, unerfahren, und zwischen uns entwickelte sich ein Gefühlschaos. Ich war nicht so sehr von ihr als Person enttäuscht, als von der Aussicht auf meine ganzen zukünftigen Möglichkeiten. Das war ein bißchen viel, so plötzlich, glaube ich. Danach rief ich sie lange Zeit nicht an, und sie konnte mich nicht erreichen, weil wir uns zuvor nur im Buchladen getroffen hatten. Als wir uns dann etwa einen Monat später schließlich trafen, war alles anders zwischen uns. Die Gefühle hatten sich geändert. Wir waren wieder Fremde.

Wir gingen in den Park, und dort auf einer Bank umarmte ich sie. Ich denke, vor allem aus Trotz, und dann sprang sie auf und ich sah, daß es schon zu spät war. Es war versaut, da konnte man nichts machen. Wir trennten uns sehr verlegen, und sie rief mich nicht mehr zurück und ließ sich am Telefon verleugnen, auch wenn sie Zuhause war.

Einige Jahre später trafen wir zufällig in einem Café aufeinander. Sie trank Kaffee mit einem Mädchen, ich trat mit einem Jungen ein. Als sie mich bemerkte, wich das Blut aus ihrem Gesicht und ich sah, wie sie sehr nervös ihren Kaffee hinunterstürzte. Ich ging schnell hinaus, weil mir klar war, daß wir damit nichts mehr anfangen konnten.

2

S. wohnte schon seit einer Woche am Meeresstrand in einem Busch. Tagsüber ging sie an den Strand hinaus und spielte Gitarre, um Geld für Essen und guten spanischen Rotwein zusammenzukriegen. Der Busch war an einem guten Platz, einem versteckten Platz, trotzdem nahe am Ufer. Einmal wagte sie es sogar, ihre Gitarre dortzulassen, als sie in den Laden ging, um Wein zu kaufen.

Eines Tages übte sie gerade in ihrer schönen sonnigen Wohnung, als im Nachbarbusch Gäste ankamen, zwei Typen, nur ein paar Meter entfernt von ihr, in Badekeidung. Sie konnten einander gut sehen. S. grüßte. Sie lachten nur. Dann fingen sie an, sich wild zu klüssen, die Hand des einen in der Hose des anderen. S. hatte das Gefühl, als wäre in ihre Wohnung eingebrochen worden. Aber sie wollte nicht von Zuhause weggehen. So überlegte sie, den Jungs mit Musik eine Freude zu machen und begann sehr aufmerksam zu spielen. Beim Küssen schöne Renaissancestücke. Als die Situation wilder wurde, die Badehosen fielen und die Küsse auf dem Schwanz weitergingen, aufregendere Themen, Rock und Blues. Der eine Junge zog ein Kondom auf seinen Schwanz, ließ den anderen hinknien und ging von hinten in ihn rein, begleitet von feurigem Flamenco auf der Gitarre. Als der Akt schneller wurde, steigerte sich auch der Flamenco.

Das Ende kam, die Jungs waren gekommen. S. spielte die Ode an die Freude in eigener Bearbeitung. Die Jungs lachten, lachten S. an, warfen das Kondom fort, zogen sich an und gingen. Aber S. ging ihnen hinterher, sie sollten doch etwas springen lassen. Denn sie hatte für sie gearbeitet, und sie waren bei ihr eingebrochen. Aber sie lachten nur und sagten in einer unverständlichen Sprache etwas zu ihr.

S. war wütend. Für den Genuß hätten sie ruhig zahlen können. Sie hatte sehr schön gespielt und mußte nun auch den schleimigen Gummi aus dem Busch entfernen, weil sie Dreck nicht mochte. Aber später verging ihre Wut. Sie ging hinaus an den Strand, spielte und starrte die Menschen an.

 

1 Ein Auszug aus ihrem Roman ist nachzulesen in der erotischen Anthologie "Mein heimliches Auge", erschienen beim Konkurs-Buch-Verlag in Tübingen.

2 Hilda Gobi (1913-1988) war Theater- und Filmschauspielerin in Ungarn. Sie spielte in erster Linie Charakterrollen, meistens kauzige ältere Frauen, auch als sie noch jünger war, vgl. Filmlexikon, Budapest 1994, Bd. 1, S. 241.

3 Zur Situation von Lesben und Schwulen in Ungarn vgl. Katrin Kremmler, Lesben und Zivilgesellschaft im postsozialistischen Ungarn am Beispiel von Háttér, einer schwul-lesbischen Organisation in Budapest, unveröffentlichte Magisterarbeit am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität Berlin, 1998.