Schwarzer Faden


Zur Geschichte des Schwarzen Fadens

Zu einem Zeitpunkt, als bundesweite anarchistische Periodika, wie z.B. der Engel Luzifer und Der Schwarze Gockler, der im Dunkeln kräht nur unregelmäßig herausgebracht wurden und es neben Gruppenorganen, wie der von der Föderation Gewaltfreier Aktionsgruppen (FöGA) verantworteten gewaltfrei-anarchistischen Graswurzelrevolution und der anarcho-syndikalistischen direkten aktion kaum noch überregionale und vom Anspruch her übergreifende, anarchistische Zeitschriften gab, diskutierten AnarchistInnen auf der Frankfurter Gegenbuchmesse 1979 die Gründung einer neuen bundesweiten Zeitschrift.
Als Anschubfinanzierung für das Projekt diente eine Einlage von jeweils einigen hundert Mark, die von den sieben, aus unterschiedlichen Teilen der Bundesrepublik kommenden Gründungsmitgliedern (Gudrun Winkelmann, Friederike Kamann, Herbert Wieder, Horst Blume, Wolfgang Haug, Ex-Redakteur von oh wie schön, Stefan Blankertz, Ex-Redakteur von Neue Viehzucht und Volker Eichler, Ex-Redakteur von Fanal) in die gemeinsame Kasse eingezahlt worden war.
Im Mai 1980 brachte das überwiegend aus MitarbeiterInnen der anarchistischen Verlage "Büchse der Pandora" und "Trotzdem" bestehende Gründungskollektiv in Reutlingen rund 500 Exemplare der Nullnummer des Schwarzen Fadens (SF) heraus.

"Der Faden sollte sich langsam spinnen und den Beteiligten die Chance lassen, sich mitzuentwickeln und die Zeitschrift nach und nach zu verbessern. Dennoch waren wir übervorsichtig, so daß unsere Nullnummer nach vier Wochen ausverkauft war; erfolgreich war sie ebenfalls, denn sie führte wegen eines Artikels mit RAF- und Staatskritik zu bösen Briefen seitens gefangener RAF-Mitglieder und zum Berufsverbot für zwei RedakteurInnen. Wir [die Red.] waren also auf dem richtigen Weg!"
Seitdem informiert der vom Trotzdem-Verlag herausgegebene Schwarze Faden regelmäßig über libertäre Tendenzen weltweit und stellt radikale Denk- und Aktionsansätze für eine politische und kulturelle Gegenbewegung zur Diskussion.
Enthalten sollte dabei möglichst jede Nummer "ca. 1/3 aktuelle Themen und Diskussion, ca. 1/3  Theorie oder Informationen und ca. 1/3 Kultur und/oder Geschichte und/oder "Unterhaltsames", so ein Anspruch der Redaktion.

Der auf Umweltschutzpapier gedruckte SF erschien anfangs ohne gesetztes Schriftbild und mit niedriger Auflage. Anders als der ebenfalls 1980 gegründete und bundesweit verbreitete Galgenvogel, der ausschließlich übersetzte Artikel, u.a. aus US-amerikanischen, britischen, italienischen, spanischen und französischen anarchistischen Zeitschriften veröffentlichte.

"Doch der Galgenvogel kreiste nur zwei Nummern, dann setzte er aus ökonomischen Gründen zum Sturzflug an."
Um nicht als Konkurrenzblatt zum Galgenvogel zu erscheinen, hatte der Schwarze Faden bis dahin nur wenige Übersetzungen aus der internationalen anarchistischen Presse abgedruckt.
Durch die Anschaffung u.a. von Computern, Fax und Laserdruckern verbesserten sich die technischen Möglichkeiten. Im Laufe der Jahre lernten die RedakteurInnen setzen, das von Anfang an übersichtliche, mit vielen qualitativ hochwertigen und schönen Fotos angereicherte Layout wurde zunehmend professioneller, die Druckqualität verbessert und die Seitenzahl von 1980 bis 1994 peu à peu von 40 auf 76 erhöht.
Die Resonanz war groß und so stieg die verkaufte Auflage schrittweise von 900 über 1.200 auf 1.500 und seit Mitte der achtziger Jahre schwankt sie zwischen 2.000 und 3.300 Exemplaren.
Im Anschluß an eine Organisationsdiskussion gründete die Redaktion 1983 das  Forum für libertäre Informationen (FLI). Das FLI sollte sich zu einem Zusammenhang entwickeln, der sich gesamtgesellschaftlich einmischt und die Lehre aus diversen anarchistischen Organisationsversuchen zieht, welche "allesamt mit viel gutem Willen und wenig erarbeiteten Inhalten begannen und nach kurzer Zeit wieder zusammenbrachen."
Bevor sie im Schwarzen Faden publik gemacht würden, sollten Positionen mit dem Forum für libertäre Informationen diskutiert werden. Dort sollte eine theoretische Basis erarbeitet und die Inhalte verstärkt in die Diskussion getragen werden.
Neben dem internen FLI-Rundbrief entstanden einige zum Teil langlebige Arbeitsgruppen zu Themen, wie Anarchafeminismus/Patriarchatskritik, Antipädagogik, Arbeit/Zerfall der Arbeit, Sowjetunion, Neoliberalismus, Sozialtechnologie u.a.
In den Arbeitsgruppen wurden allerdings nur selten Beiträge für den Schwarzen Faden produziert.
Trotzdem-Verlag und Redaktion zogen sich 1988 aus dem FLI zurück.
"Trotzdem hat uns das FLI neben unvermeidlichem Knatsch wichtige direkte menschliche Kontakte gebracht, die sich bis heute für den SF auszahlen, da zumindest zwei Redakteure (zeitweise waren es drei) über das FLI zum SF gestoßen sind."
Das Redaktionskollektiv änderte sich im Laufe der Jahre und so konstatierte der bis heute aktive Trotzdem-Verleger, SF-Redakteur und -Herausgeber Wolfgang Haug im A Kalenda 1992, daß sie nun wieder zu sechst seien, es aber auch kritische Zeiten gegeben habe, in denen sie zu dritt die Zeitschrift "über die Runden retteten".  Gestartet seien sie bei der Verlagsgründung auch mit der anarchistischen Utopie, ihr eigenes Leben nach diesen Prinzipien auszurichten.
"Mensch macht ja nicht über Jahre hinweg eine Zeitschrift, bei der nichts zu verdienen ist, ohne individuelle Absichten und Hoffnungen zu hegen. Was ist dabei herausgekommen? ( ) wir haben die Trennung zwischen privat und öffentlich weitgehend überwunden. Leben und Arbeit sind räumlich und zeitlich eng miteinander verbunden. ( ) grundsätzlich können wir entscheiden, ob wir erst nachmittags, ob wir bis tief in die Nacht arbeiten, oder ob wir mal kurz irgendwo hinfahren."
Weniger erfreulich sei, daß das Kollektiv recht häufig in Konflikte verwickelt werde, "sei es aus eigener 'Schuld' durch die Publikation eines Artikels, sei aus der Weigerung einen Artikel abzudrucken, oder auch nur, weil wir an unsere persönlichen Grenzen stoßen, von vielen Seiten angesprochen werden und längst nicht mehr alles - auch nicht unsere eigenen Ansprüche - einlösen können."

Bis zu der im Juni 1985 herausgebrachten "Kulturnummer" (Nr. 18 - 2/85) wurde der Untertitel "Anarchistische Vierteljahresschrift" beibehalten. Nachdem im Sommer 1985 eine Nostalgienummer mit ausgewählten Beiträgen aus den ersten dreizehn, vergriffenen Ausgaben herausgebracht worden war, erschien im September die Nr. 19 - 3/85  mit dem Untertitel "Vierteljahresschrift für außerparlamentarische Opposition" und im Dezember 1985 die mit "fachzeitschrift für anarchie und luxus" untertitelte Sondernummer "Verfall und Auflösung der Arbeit".
Schließlich entschlossen sich die MacherInnen zur Wiederbelebung einer Transparentparole, mit der sie in den 70er Jahren gegen NPD-Parteitage losgezogen waren: "Lust und Freiheit wollen wir, doch nicht diese Nazis hier!" Bis auf wenige Ausnahmen wurde der Untertitel "Vierteljahresschrift für Lust und Freiheit" von Januar 1986 (Nr. 20 - 1/86) bis heute beibehalten. So sollte der Anspruch umschrieben werden, daß anarchistische Politik Spaß machen kann und soll.
Die Redaktion verstand die "Lust" dabei weniger begrenzt auf den reinen Text, sondern bezog Grafiken, Photos und das Layout mit ein. Was den Text betreffe, so wünsche sich das Kollektiv durchaus mehr Spaßguerilla und lehne satirische Beiträge auch nicht rundweg ab.
Oft kritisierten LeserInnen, daß die "Vierteljahresschrift für Lust und Freiheit" selten lustvoll sei, dafür manchmal "übermäßig aufgeschwemmte Diskussionen über inneranarchistische Fraktionsquerelen" enthalte und die inhaltliche Gewichtung und intellektuelle Sprache die Publikation "zum Kummer einiger als eine Art Anarcha/o-'Intelligenzblatt' erscheinen" lasse.
 

Im Mai 1988 erschien eine vom Trotzdem-Verlag, dem FLI und einer erweiterten Redaktion herausgegebene Sondernummer Feminismus-Anarchismus.

Wie die Geschichte des Anarchismus sei erst recht die der anarchistischen Frauen eine "untergegangene" Geschichte, so die MacherInnen. Der Anarchafeminismus aber sei in aller Munde und stoße auf großes Interesse. Zum Teil artikuliere sich hier das "Bedürfnis von Frauen aus anarchistisch/autonomen Kreisen, ihr Unbehagen in der Bewegung, ihre Beziehungen zu den Männern in der Bewegung zu reflektieren."
Ein breites Spektrum von Frauen und Männern diskutiere unter dem neuen Schlagwort "Patriarchatskritik", wobei die unterschiedlichsten Begriffe verwandt würden.
Der Anarchafeminismus lege Wert darauf, den Begriff vom "Patriarchat" weiter zu fassen als es das Schlagwort von der "Herrschaft der Männer über die Frauen" beinhalte. Männer seien von patriarchalischem Denken und Verhalten geprägt, das subjektiv nicht unbedingt als "Unterdrückung" erlebt werde und dennoch aktiv bekämpft werden müsse. Anarchafeminismus begreife Herrschaft - in jeder Hinsicht - als "das Problem", nicht allein ihre patriarchalischen Manifestationen. Denn von diesen seien Frauen alle auf verschiedene Weise betroffen. Die Divergenz im angeblichen "WIR" aller Frauen äußere sich bei Feministinnen u.a. im Fehlen einer gemeinsamen Utopie, einer gemeinsamen Vision. Zwar würden vom Feminismus viele patriarchalische Haltungen und Institutionen als Problem erkannt. Dennoch existiere bislang keine gemeinsame Definition davon, was das "Patriarchat" sei und wie es bekämpft werden könne.
In der Sondernummer konzentrierten sich die Beteiligten auf den thematischen Schwerpunkt inhaltlicher Kritik an feministischen Positionen.
So sollte zu einer Radikalisierung der feministischen Gesellschaftskritik beigetragen werden - die bei vielen feministischen Strömungen lediglich in einer "positiven Diskriminierung" bestehe. In dieser Ausgabe sollte versucht werden zu zeigen, wie sich Anarchismus und Feminismus komplementieren könnten. Obwohl sich nur wenige Frauen ausdrücklich als Anarchafeministinnen begreifen würden, sei der anarchafeministische Impuls in vielen Diskussionen unterschwellig vorhanden. Er trete überall in Erscheinung, wo Feministinnen/Anarchistinnen gegen staatliche Macht - oder patriarchale Unterdrückungsstrukturen rebellieren.
Die erste Auflage von 3.000 Exemplaren dieser herausragenden, 68seitigen Sondernummer, war ebenso schnell vergriffen, wie die im Sommer 1989 gedruckte zweite, überarbeitete und um einen Artikel von Rosella Di Leo erweiterte Neuauflage von 1.400 Exemplaren.
Im Oktober 1997 erschien eine weitere Schwerpunktausgabe zu den vielfältigen Beziehungen zwischen Feminismus und Anarchismus, die SF-"Sondernummer Feminismus II".
 

Seit Mitte der achtziger Jahre öffnete sich die Redaktion zunehmend auch anderen linksradikalen Strömungen. Dies gefiel nicht allen Libertären und führte nicht selten zu kontroversen Diskussionen außer- und innerhalb des SF.
So wurde im Frühjahr 1990 in einem Leserbrief die Öffnung und die Arbeit der Redaktion kritisiert. Über wiederholte "oberlehrerhafte Hinweise", wie der jeweilige nachstehende Text zu lesen sei, über das "häufige Weglassen von ganzen Textpassagen" oder die "inhaltsleere und unsolidarische Anmache anderer libertärer Richtungen (z.B. die Libertarians) oder Zeitungen (z.B. die Frühstückstischpolemik gegenüber der Graswurzelrevolution in SF 32)" könne nicht immer "ohne Magenschmerzen" hinweggesehen werden. Da sich die SF-Redaktion in der Auswahl ihrer Artikel "anscheinend dem autonomen, nicht-anarchistischen Spektrum" öffne, sei vor einer weiteren Entwicklung in diese Richtung zu warnen, so Kaesling.
"Mag sich auch eine autonom gefärbte libertäre Zeitschrift besser verkaufen", so könne doch "dieser Mentalität nur widersprochen werden."
Es dürfe nicht angehen, "daß in den letzten Nummern Inhalte angeboten werden, die zu einem nicht unerheblichen Teil entweder autonom-marxistischen Inhalts und/oder von autonomen AutorInnen stammen ( ) bzw. überhaupt keine libertäre Ausrichtung einnehmen."
In der gleichen Ausgabe des Schwarzen Fadens beantwortete die Redaktion diese Kritik. Redaktionelle Vorbemerkungen werde es auch in Zukunft geben, um damit Bezüge zu schaffen, eigene (eventuell abweichende) Positionen zu verdeutlichen oder Zusatzinformationen zu geben. Damit sei aber keine Bevormundung der VerfasserInnen oder LeserInnen beabsichtigt.
Auslassungen seien nach Ansicht der RedakteurInnen häufig notwendig, weil die Artikel sich entweder selbst wiederholen oder zu lang seien. Der SF verstehe sich seit seiner Gründung "im Gegensatz z.B. zur Interim" als eine Zeitschrift, die nicht grundsätzlich alles abdrucke, was ihr angeboten werde.

"Würden wir es machen, wäre der SF unserer Meinung nach wirklich nicht wiederzu erkennen und voll mit marxistischen, grünen usw. Inhalten, da diese Menschen nach wie vor häufig intensiver arbeiten als AnarchistInnen."
Auf die o.g. Kritik am Umgang mit anderen libertären Richtungen, räumte die Redaktion ein, daß ihr bisweilen "die Pferde durchgehen", andererseits fehle ihr das Verständnis dafür, daß eine Kritik meist schlimmer gefunden werde, als das, was die Redaktion kritisiere.
"Gibt's nichts zu kritisieren an der Libertarian Party, am (neuerlichen) Silvio Gesell-Boom? Sind solche Strömungen - um Öl ins Feuer zu gießen - überhaupt 'anarchistisch'? Weshalb war unsere Kritik politisch inhaltsleer? Oder ist es nicht vielmehr so, daß wir gerade einen politischen Standpunkt vertreten, der von manchen AnarchistInnen nicht geteilt wird, aber dennoch ebenfalls 'anarchistisch' ist?"
Der polemische Kommentar zur Graswurzelrevolution sei spontan entstanden, "aus Enttäuschung über die erste Ausgabe der neuen GWR, in der wieder 'Vorbilder' hochgehalten" würden.
Für autonome Ansätze habe sich der Schwarze Faden bewußt geöffnet.
"Zunächst halten wir die Autonomen nicht ausschließlich für Marxisten, sondern gehen davon aus, daß sich sehr viele anarchistisch-gesinnte Menschen unter ihnen befinden. Anders ausgedrückt: die Autonomen sind unserer Meinung nach für verschiedene Theorieansätze offen, darunter auch für den anarchistischen. Als Anarchisten haben wir
deshalb ein natürliches Interesse in die Diskussion mit Autonomen und über ihre Inhalte zu kommen."
Es gehe der Redaktion darum, authentisch zu berichten und deshalb sei es ihr lieber, wenn Autonome im SF über ein Autonomes Zentrum schreiben, als wenn dies Außenstehende tun.
Der Schwarze Faden wolle seit seiner Gründung ein Diskussionsforum aller antiautoritären Strömungen sein und bevorzugt die zu Wort kommen lassen, die sich sozial, künstlerisch und gesellschaftspolitisch engagieren.
Die aus aktiven, politischen Zusammenhängen kommende Redaktion wolle den Bezug zu einer aktiven, "lebendigen" Basis nicht zugunsten "reinerer" Theorie verlieren.
"Was wiederum nicht heißt, daß wir uns nicht weiterhin um die Aktualisierung anarchistischer Theorie kümmern bzw. anarchistische Klassiker (im Trotzdem Verlag) neu auflegen. Vielleicht sollten vorschnelle KritikerInnen auch mal Verlagsproduktion und SF zu sammen betrachten, denn beides wird von denselben Leuten gemacht!"
Fünfzehn Jahre nach Erscheinen der ersten Ausgabe äußerte sich die Redaktion erfreut über das kontinuierlich gesteigerte Interesse der LeserInnen, der AbonnentInnen und AutorInnen, die ihr vermehrt und aus eigenem Entschluß ihre Artikel zum Abdruck zusenden. Das zeitweise nur noch aus Männern bestehende Redaktionskollektiv wolle die Artikel aufgrund ihrer Qualität auch in ihrer ganzen Länge den LeserInnen nicht vorenthalten. Diese Entwicklung - so die Hoffnung der Redaktion - könne neben dem Interesse an libertärer und anarchistischer Diskussion auch auf eine gesteigerte Wertschätzung des Schwarzen Fadens hindeuten. Aufgrund der großen Anfrage, der Zusendung zahlreicher Artikel, um möglichst vielen Personen und Themen Raum zu geben, um mehr Freiraum für Konzeption und Gestaltung sowie eine höhere Aktualität von Nachrichten, Themen und Informationen zu gewährleisten, nahm sich die Redaktion im Januar 1995 vor, die Erscheinungsweise des Schwarzen Fadens zu ändern. Der SF sollte fünf- statt viermal jährlich mit einem Umfang von jeweils 68 statt, wie zuvor, 72 bis 76 DIN A4 Seiten, herauskommen. Dieses Vorhaben konnte jedoch nur 1995 verwirklicht werden. Seit 1996 erscheint der SF wieder vierteljährlich.

Im Frühjahr 1996 kündigten die nach wie vor ehrenamtlich tätigen Mitarbeiter an, daß sie ihrer Zeitschrift mehr Akzeptanz verschaffen und stärker in die Öffentlichkeit gehen wollen. Nach und nach sollte ein Kioskvertrieb aufgebaut werden. Aus eigener Kraft falle dies der Redaktion aber schwer. "Wir bitten deshalb unsere UnterstützerInnen um vermehrte Spenden, damit wir Anzeigen, Anlaufkosten etc. finanzieren können."

Die im SF veröffentlichten Beiträge wurden von der Redaktion bisher immer u.a. nach inhaltlichen und qualitativen Kriterien ausgewählt. Häufig wurden aus zugeschickten Flugblättern Kurzmeldungen fabriziert und versucht, gegen die "eigenen Szene-Mythen" anzuschreiben. Grundsätzlich gelte, "daß wir keine Texte veröffentlichen, die vorher woanders abgedruckt wurden  Woanders bezieht sich dabei auf die A-Scene und Autonome sowie Überregionales wie taz und Konkret. Weniger auf Zeitschriften, die nur ein eingeschränkter Kreis interessiert und wo wenige Überschneidungen zu befürchten sind." Nichts sei so schnell "überflüssig" wie eine Nummer, die einige Beiträge enthalte, "die schon da waren."
Problematisch sei, daß die Redaktion sehr viele überlange Artikel erreichen, während das Gros der LeserInnen lieber kürzere lese. Es sei schon passiert, daß sie aufgrund der Länge einen Beitrag verschieben mußten, der dann woanders erschienen ist. Den LeserInnen wolle die Redaktion jedoch maximal zwei überlange Artikel pro Ausgabe zumuten.
Ihrem Anspruch, eine Zeitschrift "gut" zu machen, konnte die Redaktion des Schwarzen Fadens meist gerecht werden.
Und so hat das seit 1985 in Grafenau herausgegebene Magazin nicht nur in der libertären Szene der Bundesrepublik den Ruf, "Pflichtlektüre", ein "anarchistisch-intellektuelles Exklusivblatt" und eines der wenigen "Theoriemagazine mit umfangreichem Kulturteil aus den sozialen Bewegungen", mit "gut layouteten Seiten voller Grafiken und Fotos" sowie mit z.T. interessanten und kompetenten Artikeln zu sein. Der Verfassungsschutz bescheinigte ihm "überregionale Bedeutung als Diskussions- und Informationsforum libertärer und autonomer Gruppen" und Hermann Kurzke rief sogar in der nicht gerade als staatsfeindlich geltenden Frankfurter Allgemeinen Zeitung auf: "Lieber gleich den Schwarzen Faden abonnieren, den Knast ent-tabuisieren, die Volkszählung boykottieren, den Terror kritisieren ( )."

Zusammenfassend läßt sich feststellen, daß die "wichtigste anarchistische Zeitschrift der achtziger Jahre" ihre herausragende Position auch in den neunziger Jahren behaupten konnte und der Schwarze Faden bis heute - trotz eines Verkaufspreises von mittlerweile 8.- DM - die angesehenste explizit anarchistische Zeitschrift in der Bundesrepublik geblieben ist.

Textauszug aus:
Bernd Drücke, Zwischen Schreibtisch und Straßenschlacht? Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland, Verlag Klemm & Oelschläger Ulm, September 1998. 640 Seiten, 59,80 DM